- Welche Lehren zieht der Staat aus der Corona-Krise? Und welche Lehren sollte jeder Bürger ziehen?
- Der Präsident des Bonner Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), Armin Schuster, äußert im Interview mit Marion Trimborn dazu genaue Vorstellungen.
Herr Schuster, die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Supermarkt-Regale vorübergehend plötzlich leer sind, wenn die Menschen Nudeln, Tomatensoße und Klopapier horten. Wie sicher ist die Lebensmittelversorgung in Deutschland?
Sie sagten es: Die Regale waren lediglich vorübergehend leer. Lieferketten haben funktioniert, und Nachschub war gesichert. Die Bevölkerung ist grundsätzlich gut versorgt.
Ihr Amt gibt auf seiner Webseite Tipps für die Notfall-Vorsorge im Katastrophenfall. So empfehlen Sie, dass jeder Haushalt pro Person etwa 14 Liter Flüssigkeit je Woche vorrätig haben sollte, wie Mineralwasser, Fruchtsäfte und länger lagerfähige Getränke. Bei einem Paar sind das 28 Liter. Das dürften die allerwenigsten zu Hause haben. Ist das nachlässig?
Ich glaube, dass die meisten Menschen sich bisher nicht bewusst dazu entschlossen haben, immer eine gewisse Menge an Lebensmitteln zu Hause zu bevorraten. Aber die Erfahrungen, die wir jetzt alle in der Corona-Pandemie machen, verändern das Bewusstsein. Wer wegen der Infektionsgefahr nicht mehr so oft ins Geschäft gehen möchte oder wer in Quarantäne war, der weiß jetzt, dass ein bestimmtes Maß an Vorräten gar nicht so unsinnig ist. Von daher spüren wir eine neue Sensibilität durch Corona. Unsere Notfall-Checkliste jedenfalls, die früher auch belächelt wurde, ist heute zum Kassenschlager geworden.
Aber damit schieben Sie die Verantwortung ja jedem Einzelnen zu?
Wir haben sehr lange in sehr ruhigen Zeiten gelebt, was Katastrophen angeht. Deshalb ist die Bevölkerung nicht mehr wirklich darauf vorbereitet. Das versuchen wir jetzt zu ändern. Unser Ziel sind risikomündige Bürgerinnen und Bürger, die wissen, dass Selbstschutz, also die Fähigkeit jedes Einzelnen, mit einer Krise umzugehen, der beste Bevölkerungsschutz ist. Ich sage es mal salopp: Der Amateur hamstert in der Krise – der Profi sorgt vor.
Zur Person
Armin Schuster (60) ist seit November 2020 Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe in Bonn. Zuvor saß der gebürtige Andernacher elf Jahre lang für die CDU im Bundestag. Der studierte Verwaltungs- und Wirtschaftswissenschaftler befasst sich seit Jahrzehnten mit Sicherheitspolitik, arbeitete für Polizei und Grenzschutz. Im Bundestag leitete Schuster unter anderem das „Parlamentarische Kontrollgremium“, das die deutschen Geheimdienste kontrolliert. (EB)
Jeder sollte so viel zu Hause haben, dass er zehn Tage ordentlich leben kann, ohne das Haus zu verlassen. Damit ist man kein Spinner und auch kein Prepper, also jemand, der Vorräte weit über das empfohlene Maß hinaus hortet.
Wenn Strom und Heizung wegbleiben, empfiehlt Ihr Amt, einen Vorrat an Kerzen und Taschenlampen bereitzuhalten. Auch zu einem batteriebetriebenen Radio, um auf dem Laufenden zu bleiben, wird für den Notfall geraten – aber wer hat das noch?
Eine Schneekatastrophe, ein langer Stromausfall, hervorgerufen durch einen Sturm oder einen Hackerangriff oder einfach nur einen Bagger, der eine Leitung gekappt hat – solche Notfälle sind nicht unwahrscheinlich. Jeder sollte sich deshalb vorsorgend einige Fragen stellen: Was esse ich, wenn ich nicht zum Supermarkt komme, und wie komme ich an Informationen, wenn der Strom ausfällt? Da ist ein batteriebetriebenes Radio oder ein Kurbelradio gar nicht so schlecht. Das kostet nicht die Welt, und es ist auch praktisch für Campingausflüge oder den Garten. Ein anderes Thema, aber auch eine Frage der Vorsorge zu Hause, ist, wie ich meine Wohnung oder mein Haus im Sommer bei einer Hitzewelle kühl halte. Was mache ich, wenn Wasser nur noch stundenweise zur Verfügung steht? Dann sollte ich Entkeimungsmittel aus dem Campinghandel vorrätig haben, um Wasser in großen Gefäßen wie Badewanne oder im Eimer sammeln und haltbar machen zu können.
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Deutschland unterhält riesige Notfall-Reserven. Was ist da so drin?
Wir sagen öffentlich nicht im Detail, was wir von staatlicher Seite bevorraten. Es geht schließlich auch um Szenarien wie den Verteidigungsfall. Einige Reserven wie Lebensmittel und Treibstoff liegen im Bereich anderer Ressorts. Als BBK bevorraten wir zum Beispiel Sanitätsmaterialien für schwere Verletzungen.
Müssen diese Reserven mit den Erfahrungen aus der Corona-Krise aufgestockt werden?
Ja, daran sind wir jetzt erstmals im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums entscheidend beteiligt. Damit wir künftig deutlich besser aufgestellt sind, unterstützen wir das Bundesgesundheitsministerium in der Konzeption und Planung einer Nationalen Reserve Gesundheitsschutz, die für jedwede Krise ausgelegt ist. Sie erinnern sich: Es hat an Schutzmasken und Schutzanzügen gefehlt, das wird nicht wieder vorkommen
Die Corona-Krise hat Ihr Amt nicht vorhergesehen, die war wie ein sogenannter schwarzer Schwan, oder?
Da muss ich widersprechen. Wir haben schon 2007 eine große Übung zum Thema Pandemie gemacht und 2012 zusammen mit dem Robert-Koch-Institut eine Risikoanalyse zu einer Pandemie mit einem fiktiven Sars-Virus vorgelegt. Für uns war das ein weißer Schwan – also ein unwahrscheinliches, aber mögliches Ereignis. Die Anzahl der weißen Schwäne ist übrigens bedeutend größer, als allgemein so angenommen wird. Dazu gehören Krieg, Terroranschläge, aber auch Naturkatastrophen wie Hitze, Dürre, Waldbrände, Erdbeben oder Überschwemmungen, um nur einige zu nennen. Auch das Thema Pandemie bleibt bei uns auf der Tagesordnung. Für die schwarzen Schwäne müssten wir Hellseher sein, das ist nicht unser Job.



