- Nach den erneuten Vorwürfen gegen ihre Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock haben die Grünen auf Gegenangriff umgeschaltet.
- Doch gibt es tatsächlich eine Kampagne gegen die grüne Parteichefin, oder bietet Baerbock einfach mehr Angriffsfläche als ihre Konkurrenten?
Berlin – Jeder Stein im Leben von Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock wird derzeit umgedreht – und jeder Satz in ihrem Buch „Jetzt. Wie wir unser Land erneuern“. Der österreichische Medienwissenschaftler Stefan Weber hatte Anfang der Woche auf mehrere Stellen hingewiesen, die auffällige Ähnlichkeiten zu anderen Veröffentlichungen aufweisen.
Der Plagiatsvorwurf sei haltlos, „Rufmord“ sei das Ganze gar, so Grünen-Bundesgeschäftsführer Michael Kellner. Beobachter sehen eine Kampagne gegen die Partei und ihre Vorsitzende. Doch beide bieten auch die eine oder andere Schwachstelle, die ihre Gegner nutzen.
Erstaunlich schlecht vorbereitet
„Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es von politisch interessierter Seite eine Schmutzkampagne gibt, die die Grünen und insbesondere Frau Baerbock ins Visier nimmt“, sagt der Parteienforscher Lothar Probst von der Universität Bremen.
Was nicht nur Probst wundert: dass die Grünen, die schon zu Jahresanfang einen harten Wahlkampf voraussagten, solche Angriffsflächen bieten. „Es ist erstaunlich und unverständlich, dass die Grünen so schlecht vorbereitet waren auf diese Angriffe. Es sind Fehler passiert, die nicht hätten passieren dürfen“, sagt er mit Blick auf den offiziellen Lebenslauf Baerbocks im Internet. Der enthielt an mehreren Stellen Ungenauigkeiten und Auslassungen, was die Kanzlerkandidatin Anfang Juni erstmals in Bedrängnis brachte.
Derzeit würden Baerbocks Glaubwürdigkeit, Seriosität und Autorität systematisch untergraben: „Sie wird als schlampig dargestellt“, so Probst. Auch bei Co-Parteichef Robert Habeck, wäre dieser Kanzlerkandidat geworden, hätten sich Schwachstellen finden lassen, glaubt der Parteienexperte. „Aber wahrscheinlich wird eine junge, städtisch geprägte kluge Frau noch einmal härter angegangen als ihre Konkurrenten.“
„Keine wissenschaftliche Arbeit“
Baerbock hatte sich am Donnerstagabend in einem Talk der Zeitschrift „Brigitte“ erstmals selbst gegen die Vorwürfe verteidigt: „Ich habe ein Buch geschrieben, in dem ich deutlich machen wollte, wer ich bin, was mich antreibt und was ich verändern möchte.“ Sie habe „viele Gespräche geführt und auch Ideen von anderen sind mit eingeflossen“, fügte die Kanzlerkandidatin hinzu. Sie habe deutlich gemacht, dass sie die öffentlichen Quellen nehme, die es gebe. Aber sie habe kein Sachbuch, keine wissenschaftliche Arbeit geschrieben. Deswegen gebe es auch keine Fußnoten.
„Sie hat ganz bewusst getäuscht“
„Plagiatsjäger“ Weber räumt in seinem Blog zwar ein, dass für Sachbücher nicht dieselben Regeln gelten wie für wissenschaftliche Arbeiten – ein Freifahrtschein für „schwerwiegende Textplagiate“ sei das jedoch nicht. Zwischenzeitlich monierte der Dozent der TU Wien zwölf Textfragmente.
Werte im Sinkflug
Nach der Nominierung Annalena Baerbocks zur Grünen-Kanzlerkandidatin Mitte April erlebte die Partei einen Höhenflug: Sie überholte mit Umfragewerten von bis zu 28 Prozent zeitweise sogar die Union. Mit der Debatte um ungenaue Angaben in Baerbocks Lebenslauf und verspätet an den Bundestag gemeldete Sonderzahlungen sanken die Werte dann.
Während die Union laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Vergleich zum Vormonat 4 Prozentpunkte zulegen konnten, stehen die Grünen mit einem Verlust von 3 Punkten bei 19 Prozent und somit auf Platz zwei, gefolgt von der SPD (15 Prozent).
Unter den drei Kanzlerkandidaten liegt Baerbock mit 15 Prozent hinter SPD-Kandidat Olaf Scholz mit 16 Prozent und Unions-Bewerber Armin Laschet (CDU) mit 21 Prozent. Die Online-Umfrage wurde zwischen dem 25. und dem 28. Juni durchgeführt – also bevor die Plagiatsvorwürfe gegen Baerbock bekannt wurden. (dpa)
Am Donnerstag legte Weber nach. Demnach soll die Grüne eine Passage aus einem Interview der „taz“ mit der Nachhaltigkeitsforscherin Maja Göpel übernommen haben. Bei „Focus Online“ sagte Weber: „Bis Mittwochabend war ich mir nicht sicher, ob es sich bei den Plagiaten um eine Fahrlässigkeit oder eine Täuschung handelt. Dieser neue Fall aber zeigt ganz klar: Baerbock hat ganz bewusst getäuscht.“ Er kündigte an, dass er noch mehrere Wochen brauchen werde, um das gesamte Buch auf mögliche Plagiate zu prüfen.
Und was ist mit Laschet und Scholz?
Keiner der bislang bekannten Vorwürfe legt allerdings auch nur nahe, Baerbock könne sich persönlich bereichert haben, korrupt sein oder sich schwere Verfehlungen im privaten Bereich zuschulden kommen lassen. „Man muss auch mal die Proportionen wahren“, so der Politikwissenschaftler Frank Decker von der Universität Bonn. „Im Vergleich zu dem, was Olaf Scholz etwa bei Cum-Ex-Geschäften oder Armin Laschet bei verschlampten Uni-Klausuren vorzuwerfen ist, sind die Fehler bei Baerbock Lappalien.“
So lastet die Union dem SPD-Finanzminister und Kanzlerkandidaten Scholz an, dass der Luftbuchungs-Skandal um Wirecard lange an der Finanzaufsicht Bafin vorbeiging. Auch der Verdacht der Einflussnahme auf die steuerliche Behandlung der Warburg Bank als Hamburger Bürgermeister steht im Raum. Doch am spröden Scholz bleibt das kaum hängen – zumal es sich um ziemlich komplexe Vorgänge handelt.
Unionskanzlerkandidat und NRW-Regierungschef Armin Laschet (CDU) wiederum ließ sich von seinem Sohn, einem Modeblogger, im Pandemiefrühjahr 2020 die Handynummer des Chefs eines Unternehmens geben, das danach einen öffentlichen Auftrag für die Lieferung von Schutzkitteln erhielt. Den SPD-Vorwurf unlauterer Geschäfte wies Laschet zurück. Und vor Jahren vergab er als Lehrbeauftragter der RWTH Aachen Noten für verschollene Klausuren – und an mehr Studenten, als überhaupt teilgenommen hatten. (dpa; mit cl/afp)
