EITORF. Witzbolde könnten Bernd Kessel Dr. Wirt nennen, und sie hätten sogar recht, und das in zweifacher Hinsicht. Der Gastronom und amtierende Karnevalsprinz ist wohl einer der wenigen seiner Kollegen im Rhein-Sieg-Kreis, die promoviert haben. In einer Wirtschaftswissenschaft. Ernsthaft.
Als der frisch geprüfte Diplom-Kaufmann nach Studienende wieder hinter der Theke stand im Schützenhof in Eitorf-Alzenbach, fehlte ihm doch etwas. Arbeit war es nicht, die hatte er genug, schon seit Jahren. Mit 14 half er erstmals im elterlichen Betrieb mit. Später, während des Betriebswirtschaftsstudiums in Siegen, hatte er im Jahresschnitt eine 40-Stunden-Woche: Die Wochenenden und die Semesterferien waren fest verplant.
Was also fehlte? Das Tüpfelchen auf dem I nennt der heute fast 40-Jährige seine Doktorarbeit im Wirtschaftsrecht, in der es um Firmenübernahmen geht, und an der er vier Jahre, von 1993 bis 1997, arbeitete. Schon in seiner Diplomarbeit habe er sich mit dem Thema befasst, allerdings noch nicht mit dem komplexen Bereich der Übernahme von Aktiengesellschaften.
Dr. Kessel erklärt wortreich und interessant, hält inne und sagt: Aber ich will Sie nicht mit Einzelheiten langweilen. Er ist in seinem Element. Studienkollegen von mir sind heute im Investmentbanking beschäftigt oder in leitender Position beim RWE. Bedauert er die Entscheidung, zurückgekehrt zu sein in den Schützenhof? Die Antwort kommt schnell. Nein. Überhaupt nicht. Viel arbeiten müssten Manager andernorts auch. Aber dort gibt es mehr Grabenkämpfe. Unstimmigkeiten ließen sich in einem Familienunternehmen besser regeln, sagt der verheiratete Vater eines zehnjährigen Sohnes. Und übers Einkommen müsse er auch nicht klagen. Der Betrieb läuft gut.
Wer ihm jetzt mit dem Klischee der Erbengeneration kommt, wird ausgekontert. Sicher, seine Großeltern hätten den Schützenhof, den sie 1931 als Bruchbude kauften, aufgebaut. Seine Eltern Elisabeth und Heinrich neu gebaut, ausgebaut, angebaut. Der Vater starb 1997, die Mutter lebt, 74-jährig, immer noch mit ganzem Herzen fürs Geschäft. Doch das 100-Betten-Hotel sei kein gemachtes Nest, in dem er es sich gemütlich macht. Die Badezimmer wurden kürzlich komplett saniert, Frühstücksraum und Entree neu gestaltet, ein Wintergarten angebaut, ein Fitnessraum und eine zweite Sauna sind in Planung, das Schwimmbad soll umgestaltet werden, zählt Kessel auf. Und auch Bruder Heinz-Udo, der als gelernter Restaurantfachmann die Gastronomie verantwortet, sei rührig. Der Hotelier: Wir werben nicht für uns. Wir wollen, dass die Gäste mehrmals kommen. Und für uns Mundpropaganda machen. Der hausbackene Name, der so gar nicht zu dem schicken Ambiente passen will, sei eine Marke: Sie können auf dem Domplatz oder auf Mallorca rufen: Wer kennt den Schützenhof an der Siegbrücke?, und sie werden immer jemanden finden.
Selbstbewusst und sportlich-dynamisch kommt Dr. Wirt daher, der aussieht wie Gentleman-Boxer Henry Maske, nur etwas größer und schmaler, der surft, taucht und Ski läuft. Den akademischen Titel, den lasse er meistens weg, sagt er. Nur als seine Frau einmal ganz schnell einen Termin beim Arzt brauchte, da meldete er sich mit Hier Dr. Bernd Kessel: Dann ging s ganz schnell.