KERPEN-BUIR. Wenn Sie da nicht aufpassen, werden Sie im Handumdrehen um ein Vermögen gebracht, dass seit hunderten von Jahren im Familienbesitz ist, sagt Reiner Brecher bitter.
Zusammen mit seinem Bruder Arnold studiert er immer wieder die Pläne für die Hambachbahn sowie zur Verlegung der Autobahn 4 und schaut sich an, wo schon in wenigen Jahren der Rand des Tagesbaus Hambach sein wird.
Rund 140 Hektar an landwirtschaftlichen genutzten Flächen gehören zu dem Hof, in den vor 350 Jahren der erste Brecher eingeheiratet hat. Mitten im Dorf, direkt neben der Kirche lag der ursprüngliche Besitz. Mein Großvater hat erkannt, dass die Lage auf Dauer ungünstig sein würde und hat 1902 das Anwesen an der Manheimer Straße gekauft, erzählt Reiner Brecher.
Die Wirtschaftsgebäude bieten auch heute noch Platz genug etwa für einen modernen Mähdrescher. Die Ackerflächen liegen gut erreichbar je zur Hälfte nördlich der Bahnstrecke Köln-Aachen und östlich von Buir.
Abgerechnet wird
scheibchenweise
Ab 2009 werden rund zwölf Prozent ihrer Äcker für den Bau der Kohlenbahn wegfallen und etwa 15 Prozent für den Bau der A 4, haben die Gebrüder Brecher ausgerechnet. 2025 liegen alle Flächen nördlich der Bahnstrecke im Tagebau. Wir werden aber nicht auf einen Schlag mit Land entschädigt, sondern man rechnet uns scheibchenweise jede Einzelmaßnahme vor.
Reiner Brecher beugt sich wieder über die Karte und zeigt, wie die Restflächen in den Jahren 2009 bis ungefähr 2025 aussehen werden. Handelt es sich bisher, so der Landwirt, um gut geschnittene Parzellen mit einem Ausmaß von etwa 400 mal 600 Metern, bleiben dann Stücke übrig, die zwar noch 600 Meter lang aber nur zwischen 15 und 50 Meter breit sind. Wie soll ich einen solchen Schick bearbeiten? Eine Feldspritze hat eine Spannweite von 27 Metern.
Schick? So nennen wir alle Stücke, die nicht rechteckig sind, erklärt Brecher. Heutzutage müsse man mit jedem Cent rechnen. Deshalb brauche man beim Ernten eine optimale Furchenlänge, die liege bei etwa 400 bis 500 Metern. Ist die Furche zu kurz, fahre ich mit halb leerem Transportmittel zum Getreidesilo oder zum Knollenbunker. Ist sie zu lang, muss ich auf halbem Weg umdrehen.
Hinzu kämen andere Kosten, die nicht entschädigt würden, weil der Gesetzgeber es nicht vorsehe: Die Buirer Niederlassung der Buir-Bliesheimer Agrargenossenschaft fällt weg. Also fahre ich demnächst für den Einkauf von Saatgut oder zur Erntelieferung neun Kilometer weiter nach Nörvenich. Das bezahlt mir keiner.
Karl-Jürgen Krafft kooperiert seit Jahren mit den Brechers. Seine Parzellen, etwa 180 Hektar, liegen zur Hälfte auch jenseits des Bahndamms, und somit teilt er alle Sorgen seiner Kollegen. Ersatzflächen fordern sie von RWE Power als Veranlasserin der Autobahnverlegung und als Betreiberin des Tagebaus, und zwar solche Flächen, die ähnlich ertragreich und wirtschaftlich zu nutzen sind. Angeboten worden seien bisher Felder bei Merzenich. Da kann man mir auch Ackerland in der Uckermark anbieten, schimpft Reiner Brecher.
Karl-Ernst Eßer betreibt in Buir einen kleineren Betrieb mit rund 80 Hektar. Knapp sieben wird er abtreten müssen. Da sei die Grenze erreicht, er fürchte um die Existenz des Hofes, wenn er nicht gut erreichbare Ersatzflächen bekomme. Die Lage drückt jetzt schon auf die Stimmung in der sonst sehr kooperativen Buirer Bauernschaft, sagt Eßer. Schließlich seien einige Felder nur gepachtet - zum Teil von RWE Power-, und jeder weiß, dass einer nach dem Acker des anderen schielt.