In einer bundesweiten Umfrage können einige Kommunen im Kreis Euskirchen punkten, andere nicht. Es gibt auch deutliche Kritik an der Studie.
Freizeit, Ärzte, BildungWer bei Daseinsvorsorge im Kreis Euskirchen gut und wer schlecht abschneidet

Auch Freizeitangebote – wie das legale Sprayen in der Euskirchener Erftaue – spielten bei der Untersuchung eine Rolle.
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Wie gut ist die Daseinsvorsorge im Kreis Euskirchen? Eine aktuelle Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) hat diese Frage für mehr als 10.900 Städte und Gemeinden in Deutschland untersucht. Das Ergebnis sorgt im Kreis Euskirchen für Freude, aber auch für Widerspruch.
Besonders gut schneidet die Kreisstadt ab: Euskirchen landet bundesweit auf Platz 104 und gehört damit zum besten ein Prozent aller Kommunen in Deutschland. In den Bereichen Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digitalisierung und Freizeit erhält die Stadt durchweg die Bestnote „sehr gut“.
Das Ergebnis dieser Studie ist äußerst erfreulich.
Bürgermeister Sacha Reichelt sieht darin eine Bestätigung der Entwicklung der vergangenen Jahre. „Das Ergebnis dieser Studie ist äußerst erfreulich“, erklärt er. Gleichzeitig sei die Platzierung kein Grund sich auszuruhen, sondern Ansporn, die Lebensbedingungen weiter zu verbessern.
Doch während Euskirchen die Spitzenplatzierung feiert, reagieren die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister der Eifelgemeinden deutlich zurückhaltender auf die Ergebnisse. Denn Kommunen wie Dahlem (Note: schlecht), Blankenheim (Note: sehr schlecht) oder Schleiden (Note: mittel) schneiden in der Untersuchung deutlich schlechter ab. Auch Hellenthal erhält die Bewertung „sehr schlecht“.
Dahlems Bürgermeister zeigt sich wenig überrascht
Für Dahlems Bürgermeister Jan Lembach ist das wenig überraschend. Er kritisiert vor allem die Perspektive der Studie. Wer die Dichte von Infrastruktur messe, werde ländliche Räume zwangsläufig schlechter bewerten als Ballungszentren. Dabei bilde ein solches Ranking nur einen Teil der Wirklichkeit ab.
Lembach verweist auf die tatsächliche Versorgung vor Ort: Hausärzte, Apotheken in der Umgebung, mehrere Kindertagesstätten, eine ausgezeichnete Grundschule, ein modernes Schwimmbad und eine gute Verkehrsanbindung über die A1 und die B51. Zudem sei Dahlem bei den erneuerbaren Energien Vorreiter. Nach seinen Angaben wird in der Gemeinde mit rund 4300 Einwohnern bereits heute regenerativer Strom für etwa 120.000 Menschen erzeugt. Mit dem geplanten Großbatteriespeicher werde diese Rolle weiter ausgebaut.
Jennifer Meuren: Studie liefert interessante Hinweise
Ähnlich argumentiert Blankenheims Bürgermeisterin Jennifer Meuren. Die Studie liefere zwar interessante Hinweise und mache auf Herausforderungen im ländlichen Raum aufmerksam. Die besonderen Bedingungen einer Flächengemeinde würden jedoch nur eingeschränkt berücksichtigt.
„Wer ausschließlich die Dichte von Infrastruktur misst, wird ländliche Räume fast immer schwächer bewerten als große Städte“, sagt Meuren. Die Frage, ob Menschen gerne und gut in einer Gemeinde leben, werde dadurch noch nicht beantwortet.

Auch die Anbindung an den ÖPNV spielte bei der Umfrage eine große Rolle.
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Dabei könne sich Blankenheim durchaus sehen lassen: Zwei Grundschulstandorte, eine Gesamtschule, Haus- und Zahnärzte, Apotheke, Autobahnanschluss sowie Bahn- und Busverbindungen gehörten ebenso zur Bilanz wie eine vollständige Kita-Versorgung. Hinzu kämen Museen, Parkanlagen und der Freilinger See als beliebtes Naherholungsgebiet. Auch beim Breitband- und Mobilfunkausbau gebe es Fortschritte.
Auch Schleidens Bürgermeister Ingo Pfennings äußert Zweifel an der Aussagekraft der Untersuchung. Schon die Bewertung im Bereich Bildung könne er nur schwer nachvollziehen. „Auf den ersten Blick zeigt schon das Ergebnis im Bereich Bildung für eine Stadt mit zwei Gymnasien, zwei Realschulen, zwei Grundschulen an drei Standorten sowie einer Förderschule eine deutliche Realitätsferne der Befragung“, sagt Pfennings.
Lebensqualität in der Eifel nur unzureichend abgebildet?
Dass ländliche Kommunen nicht über Universitäten oder Exzellenzhochschulen verfügten, liege in der Natur der Sache und könne kaum als Qualitätsmangel gewertet werden. Tatsächlich weist die IW-Studie selbst auf einen interessanten Zusammenhang hin. Zwar sind Menschen in Regionen mit einer besseren objektiven Versorgung tendenziell zufriedener.
Für das Vertrauen in Politik und Demokratie spielt jedoch weniger die tatsächliche Versorgungslage eine Rolle, als deren Wahrnehmung. Politische Unzufriedenheit entsteht demnach nicht allein durch messbare Defizite, sondern vor allem durch deren öffentliche Bewertung und Interpretation.
Euskirchen verfügt über eine außergewöhnlich starke Daseinsvorsorge
Die Forscher kommen deshalb zu dem Schluss, dass bessere Infrastruktur allein politische Entfremdung nicht verhindern könne. Ebenso wichtig sei die Frage, wie Leistungen wahrgenommen und kommuniziert werden. Genau an diesem Punkt setzt die Kritik vieler Eifel-Kommunen an. Sie sehen ihre Lebensqualität in Rankings oft nur unzureichend abgebildet. Vereinsleben, Ehrenamt, Natur, Gemeinschaft, Sicherheit und bezahlbarer Wohnraum seien Faktoren, die sich nur schwer in Zahlen ausdrücken ließen, für die Menschen vor Ort aber von großer Bedeutung seien.
So zeigt die Studie letztlich zwei Wahrheiten zugleich: Euskirchen verfügt über eine außergewöhnlich starke Daseinsvorsorge und gehört bundesweit zur Spitzengruppe. Gleichzeitig erinnern die Gemeinden der Eifel daran, dass Lebensqualität weit mehr ist als die Anzahl von Schulen, Ärzten oder Bushaltestellen. Gerade dort, wo die Wege länger sind, zählen oft auch die Dinge, die sich nicht in einem Ranking messen lassen.
Die Studie macht deutlich, dass ländliche Räume vor besonderen Herausforderungen stehen. Gleichzeitig kann sie die tatsächliche Lebensqualität vor Ort nur teilweise widerspiegeln.
Die Kreisstadt Euskirchen ist übrigens nicht die einzige Stadt im Kreis Euskirchen, die bei der Daseinsvorsorge die Bestnote „sehr gut“ erhalten hat. Auch Weilerswist und Zülpich haben mit dieser Bewertung abgeschnitten.
Mechernich erhält die Note „gut“. Bad Münstereifel, Kall und Nettersheim sind wie Schleiden als „mittel“ bei der Daseinsvorsorge bewertet.
Die Gemeinde Hellenthal schneidet im aktuellen Daseinsvorsorge-Ranking des Instituts der Deutschen Wirtschaft ebenfalls „sehr schlecht“ ab. Bürgermeister Martin Berners sieht darin zwar Hinweise auf reale Herausforderungen im ländlichen Raum, warnt jedoch davor, die Ergebnisse überzubewerten.
Viele Schüler pendeln aus Hellenthal aus
„Die Studie macht deutlich, dass ländliche Räume vor besonderen Herausforderungen stehen. Gleichzeitig kann sie die tatsächliche Lebensqualität vor Ort nur teilweise widerspiegeln“, erklärt Berners. Als Beispiel nennt er den Bereich Bildung.
Zwar verfügt Hellenthal selbst nicht über ein breites Angebot weiterführender Schulen, doch viele Schülerinnen und Schüler besuchen Gymnasien und Realschulen in Schleiden, das Gymnasium in Steinfeld oder die Gesamtschule in Blankenheim. Zudem hält die Gemeinde weiterhin eine der wenigen Hauptschulen im Kreis Euskirchen vor. Bildungsangebote müssten deshalb regional – und nicht ausschließlich innerhalb der Gemeindegrenzen betrachtet werden.

Schulen und Bildungsangebot spielen bei der Daseinsvorsorge ebenfalls eine Rolle. In Bad Münstereifel wird aktuell über den Neubau einer Grundschule diskutiert.
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Große Sorgen bereitet dem Hellenthaler Bürgermeister die Gesundheitsversorgung. Die Schließung der Notaufnahme am Krankenhaus Schleiden sei für viele Menschen im Schleidener Tal ein spürbarer Einschnitt gewesen. Hinzu komme der zunehmende Mangel an Haus- und Fachärzten. Die Möglichkeiten einer Kommune seien hier begrenzt. „Hier sind vor allem Bund und Land gefordert, attraktive Rahmenbedingungen für eine Niederlassung im ländlichen Raum zu schaffen“, so Berners.
Auch beim Thema Mobilität sieht er besondere Herausforderungen. Hellenthal umfasst 61 Ortschaften auf einer Fläche von rund 137 Quadratkilometern, verfügt jedoch weder über einen Bahnanschluss noch über eine direkte Autobahnanbindung. Positiv bewertet Berners die Schnellbusverbindung nach Kall sowie das On-Demand-Angebot „Mike“, das vor allem kleinere Ortschaften besser anbindet. Mobilität müsse im ländlichen Raum anders organisiert werden als in Städten.
Mobilität in der Eifel ist eine Herausforderung
Fortschritte erkennt der Bürgermeister bei der Digitalisierung. Durch den Glasfaserausbau im Rahmen des sogenannten Graue-Flecken-Programms sollen künftig möglichst alle Haushalte Zugang zu schnellem Internet erhalten. Auch die Verwaltung werde schrittweise digitalisiert. Geplant sind unter anderem weitere Online-Dienstleistungen, digitale Bezahlmöglichkeiten und eine eigene Hellenthal-App.
Im Freizeitbereich setzt die Gemeinde vor allem auf ihre natürlichen Stärken. Zwar fehlen klassische Einrichtungen wie Kino oder Hallenbad, dafür verfüge Hellenthal mit dem Wildfreigehege, zahlreichen Wanderwegen und touristischen Angeboten über eine hohe Attraktivität für Besucher und Einheimische. Als Beispiel für bürgerschaftliches Engagement nennt Berners die Planungen für den durch die Flut zerstörten Sportplatz in Reifferscheid. Dort arbeitet eine Bürgerinitiative gemeinsam mit der Gemeinde an einem Mehrgenerationenpark.
Hoher Investitionsbedarf bei vielen Kommunen
Gleichzeitig verweist der Bürgermeister auf den erheblichen Investitionsbedarf vieler Kommunen. Straßen, Wirtschaftswege, Feuerwehrgerätehäuser und Dorfgemeinschaftshäuser müssten vielerorts modernisiert werden. Viele dieser Herausforderungen seien über Jahre entstanden, weil notwendige Investitionen aufgrund knapper Kassen verschoben worden seien.
Trotz aller Probleme sieht Berners die Gemeinde gut aufgestellt. Was in Rankings häufig fehle, seien Faktoren wie ehrenamtliches Engagement, Vereinsleben, bezahlbarer Wohnraum, Sicherheit und die enge Verbundenheit der Menschen mit ihrer Heimat.
„Die Lebensqualität einer Gemeinde lässt sich nicht allein an einzelnen Kennzahlen messen, sondern vor allem daran, wie gerne die Menschen dort leben“, sagt Berners. Er lebe sehr gerne in Hellenthal und sei überzeugt, dass viele Bürger dieses Gefühl teilen.
So funktionierte die Umfrage zur Daseinsvorsorge
Für den sogenannten Gemeindecheck hat das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) sämtliche 10.817 Städte und Gemeinden in Deutschland miteinander verglichen. Grundlage waren 17 Einzelindikatoren aus den Bereichen Digitalisierung, Gesundheit, Mobilität, Freizeit und Bildung.
Untersucht wurde unter anderem, wie gut die Mobilfunk- und Breitbandversorgung ist, wie schnell Hausärzte, Krankenhäuser, Apotheken oder Pflegeeinrichtungen erreichbar sind und wie es um die Anbindung an Schiene, Autobahn oder Flughäfen steht. Auch die Erreichbarkeit von Schwimmbädern, Museen und Theatern sowie die Versorgung mit Kitas, Grundschulen, weiterführenden Schulen und Gymnasien floss in die Bewertung ein.
Die Forscher berechneten dafür anhand kleinräumiger Zensusdaten, wie gut die jeweiligen Angebote für die Bevölkerung erreichbar sind. Aus den Ergebnissen wurde anschließend für jede Kommune ein Gesamtwert gebildet.
Bundesweit wurden 5455 Menschen befragt
Ergänzt wurde die Untersuchung durch eine bundesweite Befragung von 5455 Bürgerinnen und Bürgern im Sommer 2025. Dabei ging es vor allem um die Frage, wie die Menschen die Daseinsvorsorge an ihrem Wohnort wahrnehmen und bewerten.
Der Gesamtrang einer Kommune ergibt sich aus einer statistischen Zusammenführung der fünf Themenbereiche. Er entspricht nicht einfach dem Durchschnitt der Einzelplatzierungen in den Kategorien Bildung, Gesundheit, Mobilität, Digitalisierung und Freizeit.
