Hürth – Mit einer Kraftwerksleistung von 30 Megawatt hat das Goldenberg-Kraftwerk der RWE Power AG in Knapsack vor 100 Jahren den Betrieb aufgenommen. Viel mehr wird es ab Herbst kommenden Jahres auch nicht mehr sein. Wie am Dienstag bekannt wurde, will der Energieerzeuger RWE Power von der derzeitigen Leistung von 160 Megawatt 110 vom öffentlichen Stromnetz abschalten. Grund sei der „negative Cash“, hieß es beim Energieerzeuger. Mit anderen Worten: Mit dem im Kraftwerk erzeugten Strom wird kein Geld mehr verdient. Verantwortlich dafür seien die niedrigen Großhandelspreise für Strom. Betroffen sind 26 Mitarbeiter, deren Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut werden sollen.
Die Lichter gehen im Goldenbergwerk aber noch nicht aus. Das Kraftwerk erzeugt nicht nur Strom, sondern auch Dampf für die Chemie und für das Hürther Fernwärmenetz. Kunden sind die Knapsacker Infraserv, die Stadtwerke Hürth sowie die benachbarte Papierfabrik. Die Verträge über die Wärmelieferung laufen bis 2017. Wie es weiter geht, müsse verhandelt werden. Einziger verbleibender Stromkunde ist die Papierfabrik. Für das Werk werden weiterhin 40 Megawatt vorgehalten.
Das Goldenbergwerk war 1914 errichtet und nach seinem Erbauer Bernhard Goldenberg benannt worden. In den 50er Jahren wurde es ausgebaut und modernisiert. Mit der Verabschiedung des Bundesemissionsschutzgesetzes 1993 wurden schon Kraftwerkskessel außer Betrieb genommen. Derzeit werden noch zwei Wirbelschichtkessel betrieben, die pro Jahr 1,13 Terawattstunden Strom erzeugen. Dazu müssen knapp 1,5 Millionen Tonnen Kohle verfeuert werden, die aus dem Tagebau Hambach kommen.
Bis Mitte Juli hat RWE nach Angaben von Power-Vorstand Matthias Hartung Anlagen mit einer Leistung von mehr als 12 600 Megawatt stillgelegt. Braunkohlekraftwerke waren bisher nicht betroffen. Nach Angaben des Unternehmens sollen auch Teile des Steinkohlenkraftwerks Westfalen in Hamm sowie des Kraftwerks Gersteinwerkes in Werne stillgelegt werden. Den 26 Mitarbeitern in Hürth sollen Abfindungen in monatlichen Teilbeträgen angeboten werden.
Das Kraftwerk
Das Goldenberg-Kraftwerk auf dem Knapsacker Hügel in Hürth steht für ein Stück Energiegeschichte. Nach nur zwölf Monaten Bauzeit nahm RWE das Kraftwerk, das nach dem Ingenieur Bernhard Goldenberg benannt wurde, am 7. April 1914 in Betrieb.
Mitte der 1930er Jahre gehörte das Go-Werk mit 98 Kesseln, 25 Turbinen und einer Leistung von 530 Megawatt zu den weltweit größten Kraftwerken. 1600 Menschen arbeiteten vor dem Zweiten Weltkrieg dort. Die 110 Meter hohen Kamine – im Volksmund „Zwölf Apostel“ genannt – waren über Jahrzehnte ein Wahrzeichen.
Bei einem Bombenangriff wurde das Kraftwerk im November 1944 weitgehend zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute RWE das Kraftwerk wieder auf, mit in der Spitze 813 Megawatt Leistung war es in den 1950er Jahren das größte Braunkohlekraftwerk Europas.
Seit 1971 liefert das Kraftwerk neben Strom auch Prozessdampf für den benachbarten Chemiepark sowie Wärme für das Hürther Fernwärmenetz. 1993 wurden zwei Wirbelschichtkessel in Betrieb genommen, die in Kraft-Wärme-Kopplung Strom und Wärme liefern. Teile des Kraftwerks stehen unter Denkmalschutz, die markanten Kamine und Kühltürme wurden jedoch abgerissen.
Anfang 2012 fasste RWE das Go-Werk und das Kraftwerk Ville-Berrenrath zum „Kraftwerk Knapsacker Hügel“ zusammen. (aen)
