„Sensationsfund“Museum will über 100 Jahre alte Wellblechbaracke in Lindlar wieder aufbauen

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Blick auf eine ältere Zeichnung von Baracken, die zwischen Bäumen stehen.

Die Baracken dienten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges als Mannschaftsunterkünfte.

Das Freilichtmuseum Lindlar erforscht ein kaum bekanntes Stück Baugeschichte – Baracken und Gebäude aus vorgefertigten Elementen in Serie gefertigt.

„Ein Sensationsfund“, freut sich Michael Kamp, der Leiter des LVR-Freilichtmuseums Lindlar. Es handelt sich um eine über 100 Jahre alte, rund 45 Meter lange Wellblechbaracke, die auf einem Firmengelände in Neunkirchen im Siegerland steht und abgebrochen werden soll. Das Gebäude diente der preußischen Armee um das Jahr 1900 herum als Kaserne.

Wellblechbaracke in Neunkirchen letztes erhaltenes Beispiel

Es ist wohl das letzte erhaltene Beispiel eines Bautypus, der zwischen seiner Patentanmeldung im Jahr 1886 und dem Beginn des Ersten Weltkriegs in größerer Stückzahl selbsttragend aus Wellblech gefertigt wurden. Die Baracken dienten einst als Mannschaftsunterkünfte, vorzugsweise auf Truppenübungsplätzen, und waren laut Kamp bis zur Demilitarisierung nach dem Ende des Ersten Weltkriegs weit verbreitet.

Um 1890 wurden die seriell gefertigten Blechbaracken zudem auf Sammelplätzen für Auswanderer errichtet, nachweislich unter anderem in Berlin und Bremerhaven, wie Michael Kamp recherchiert hat. Das Exemplar in Neunkirchen diente nach dem Krieg als Lager. Um das nicht verzinkte Blech vor Rost zu schützen, erhielt es ein Dach.

Baracke kriegt neue Funktionen im Lindlarer Museum

Das Lindlarer Museum hofft, rund 30 Meter von der Baracke bergen und in Lindlar wieder aufbauen zu können. Ein Teil könnte als Lokschuppen für die Feldbahn dienen. Einen anderen Teil würde das Museum als Ausstellungsraum zum Thema „Krieg“ oder „Auswanderung und Landflucht“ nutzen.

Ein zweites Gebäude, das das Freilichtmuseum gerne „retten“ würde, ist eine „Lufthütte“ aus dem bayerischen Brannenburg aus dem Jahr 1907. An der Wende zum 20. Jahrhundert erfreuten sich solche Kurhäuschen – verbunden mit der Popularisierung der Naturheilkunde – großer Beliebtheit. Frische Luft und Sonnenbäder, oft in Verbindung mit einer vegetarischen Diät, sollten gegen Erschöpfungszustände helfen.

Blick auf eine grünliche Hütte aus Holz, die mitten in einem Waldstück steht.

Anhand der „Lufthütte“ könne die Entwicklung des Tourismus im Bergischen Land veranschaulicht werden.

Auch in Gummersbach-Rospe existierte seit 1904 ein Sanatorium mit mehreren „Licht-Lufthäuschen“. Diese Gebäude wurden ebenfalls oft in Serie gefertigt. In Zusammenarbeit mit dem Museumsförderverein könnte die Hütte in Brannenburg abgebaut und dann in Lindlar neu errichtet werden. Dort ließe sich dann zum Beispiel die Entwicklung des Tourismus im Bergischen Land darstellen.

Serienfertigung steht für einen schonenden Umgang mit Ressourcen

Was die beiden Gebäude für das Museum so interessant macht, ist die Tatsache, dass sie aus vorgefertigten Elementen in Serie gefertigt wurden. Denn Serienfertigung, das bedeutet einen schonenden Umgang mit Ressourcen, ein Thema, das dem der Ökologie verpflichteten Museum besonders am Herzen liegt, zumal die Geschichte des seriellen und nachhaltigen Bauens erst ansatzweise erforscht wurde.

Michael Kamp hofft zu den Gebäuden auf weitere Hinweise aus der Bevölkerung. Ein drittes Gebäude, ebenfalls in Serie hergestellt, ist bereits abgebaut. Es handelt sich um eine Baracke des Reichsarbeitsdienstes (RAD), die einst in Siegen-Seelbach stand.

Blick auf eine Baracke aus Holz, die grau angestrichen ist.

Baracken wie diese wurden in der NS-Zeit auch in Arbeits- und Konzentrationslagern errichtet.

Das 70 Quadratmeter große Gebäude wurde 1938 von den Kölner Holzbauwerken gefertigt und beherbergte bis 1945 Arbeitsmänner. Baracken dieser Art wurden in der NS-Zeit auch zu Hunderten in Arbeits- und Konzentrationslagern errichtet. Millionen von Menschen, die vom NS-Regime ermordet wurden, waren in solchen Baracken untergebracht.

Nur wenige solcher Bauten haben sich erhalten. Das Lindlarer Museum plant, in dem Gebäude die Geschichte und Ideologie des Arbeitsdienstes in Deutschland zu thematisieren, ebenso die Rolle der Baracken während des Holocausts. Anfang 2024 soll die Baracke im Museum eröffnet werden.


Das Programm des Freilichtmuseums Lindlar

Sonntag, 26. März – Saisonauftakt

Das Freilichtmuseum startet in die Sommersaison mit Handwerksvorführungen, Aktionen und einem Mitmachprogramm für Kinder.

Sonntag, 30. April – Schulmuseum

Das Schulmuseum in der ehemaligen Volksschule Hermesdorf eröffnet. Mit einem bunten Mitmachprogramm.

Sonntag, 14. Mai (Muttertag) – Bergischer Schäfertag und Tierkindertag

Tierschau mit alten Haustierrassen und Kreisbockschau, Schafscherer und Hütehunde zeigen ihr Können, es gibt einen kleinen Markt und Mitmachaktionen für Kinder. In Zusammenarbeit mit der Interessengemeinschaft Oberbergischer Schafhalter (IGOS).

Samstag/Sonntag, 3./4. Juni – Jrön un Jedön

Zum Gartenmarkt werden Pflanzen, Gartenzubehör, Deko-Artikel und Beratung angeboten. In Zusammenarbeit mit der Bergischen Gartenarche.

Donnerstag, 8. Juni – Mundarttheater

Die Theatergruppe der St.-Reinoldus-Steinhauergilde spielt in der Baugruppe Hof zum Eigen ein Theaterstück in Lenkeler Platt.

Sonntag, 16. Juli – PS & Pedale

Geplant sind ein großes Treffen und eine Ausstellung historischer Zweiräder und Kleinwagen, vom Hochrad bis zum Kabinenroller.

Samstag/Sonntag, 26./27. August – Bauernmarkt

Der Markt bietet eine große Auswahl an handgefertigten Produkten, hausgemachten Spezialitäten und regionalen Speisen und Getränken. Im Gelände wird gepflügt, geerntet und gedroschen. Seilerin, Hauswirtschafterin, Schmied, Sattler, Bäcker und Bandweber zeigen ihre alten Handwerkstechniken.

Sonntag, 1. Oktober – Obstwiesenfest

Ein Tag rund ums Obst – vom Baum über die Ernte bis zum Obsterzeugnis. Mit Obstsortenschau, regionalen Produkten und Handwerksvorführungen. Äpfel, Birnen und Quitten aus eigener Ernte können mitgebracht und in einer mobilen Saftpresse zu Saft verarbeitet werden.

Sonntag, 22. Oktober – Kartoffelfest

Im Freilichtmuseum dreht sich alles um die „Erdäpfel“. Kleine und große Besucher können Kartoffeln selbst ernten, dazu gibt es verschiedene Kartoffelspezialitäten zum Probieren.

Freitag, 10. November – Martinsumzug

Sankt Martin reitet am 16.30 Uhr durch das Museumsgelände und teilt seinen Mantel mit dem Bettler. Der Laternenumzug geht mit musikalischer Begleitung bis zum großen Martinsfeuer. Dort gibt es Weckmänner und warme Getränke.

Sonntag, 17. Dezember (3. Advent) – Advent im Museum

Im Museum herrscht vorweihnachtliche Stimmung. Verschiedene Stände bieten handgefertigte Erzeugnisse und Geschenke an.

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