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Interview mit zwei ExpertenWelche Risiken drohen durch Unterwasserdrohnen im Krieg

Lesezeit 7 Minuten
Vom britischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestelltes Foto einer Unterwasserdrohne.

Unterwasserdrohnen sind vielfältig einsetzbar.

Der Ukraine-Krieg zeigt die Bedeutung von Unterwasserdrohnen auf dem Schlachtfeld. Raimund Neuss hat mit zwei Experten über die Entwicklung gesprochen.

Drohnenkrieg im Schwarzen Meer: Was steckt hinter den ukrainischen Angriffen mit unbemannten Booten? Und welche Gefahren drohen durch die Entwicklung solcher Waffen? Raimund Neuß sprach mit Tobias Kollakowski und Julian Pawlak, zwei Experten des German Institute for Defence and Strategic Studies (GIDS), einer Denkfabrik der Bundeswehr in Hamburg.

Die Ukraine hat einige spektakuläre Angriffe mit Seedrohnen ausgeführt – auf russische Schiffe und die Krim-Brücke. Ist das eigentlich wirklich etwas Neuartiges, was da passiert?

Kollakowski: Wirklich neu ist die Technologie der Seedrohnen an sich nicht. Praktisch alle führenden Nationen in der maritimen Domäne arbeiten daran. Die USA haben 2016 ihren „Sea Hunter“ vorgestellt. Es gibt Drohnen, die Minenkriegsführung oder U-Boot-Jagd betreiben, andere dienen als Mutterschiffe für kleinere Fahrzeuge. Auch vor dem Ukraine-Krieg, im Fiskaljahr 2021, stellten die USA Haushaltsmittel für Drohnen bereit, die gezielt für den Einsatz unter Wasser ausgelegt sind.

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Die Chinesen sind sehr stark, sie haben 2019 die große Unterwasserdrohne HSU 001 gezeigt, wohl vor allem für Aufklärungszwecke, und sie bauen U-Jagdrohnen. Und nicht zuletzt ist Russland führend auf dem Gebiet, gerade für Einsätze in der Arktis. Die Bandbreite der russischen Streitkräfte reicht von Geräten, die sich gegen Infrastruktur auf dem Meeresboden einsetzen lassen, bis zur Nukleardohne Poseidon als Mittel der strategischen Abschreckung. Die Entwicklung ist nicht überraschend, sie wird weltweit vorangetrieben.

Also nicht nur über der Wasserlinie wie bei den ukrainischen Drohnen, sondern auch in tiefen Seegebieten?

Kollakowski: In allen Dimensionen. Unter dem Wasser, auf dem Wasser und auch über Wasser durch Freisetzung von „Loitering Munition“, also kleinen Einweg-Luftdrohnen. Beachtlich ist allerdings, wie schnell die Ukraine eine Produktionskette zum Bau solcher Systeme entwickelt hat, auch wenn die nicht übermäßig komplex sind. Diese Einschätzung gilt aber nicht nur für den maritimen Bereich. Viele Beobachter waren erstaunt, welchen Widerstandswillen die Ukraine aufbringt und welche Fähigkeiten zur Mobilisierung der gesamten gesellschaftlichen Ressourcen sie aufgebracht hat.

Was hat die Ukraine denn im Schwarzen Meer erreicht? Kann sie die russische Dominanz dort ernsthaft in Frage stellen?

Kollakowski: Der Strategieansatz der Ukraine wird in der Fachwelt als Jeune École, nach einer Theorieschule des 19. Jahrhunderts, bezeichnet. Im 19. Jahrhundert kamen  die französischen Militärs aufgrund der Erfahrungen der napoleonischen Zeit und der Erfahrungen zu jener Zeit aktueller Rüstungswettläufe zu dem Schluss,  dass sie nie die Ressourcen haben würden, um einen überlegenen Gegner symmetrisch zu schlagen. Deshalb kamen Ideen wie der Einsatz von Torpedos und von kleinen agilen, dampfbetriebenen Verbänden auf. Die Ukraine kann damit nicht selbst Seeraumkontrolle erringen. Das ist auch nicht passiert. Aber sie kann den Russen die Kontrolle schwer machen, ihnen die Nutzung bestimmter Gebiete zu bestimmten Zeitpunkten verweigern. Diesen Ansatz bezeichnet man in der Seekriegsführung als Seeraumverweigerung oder auf Englisch Sea Denial.

Die Russen haben ihre Überlegenheit nicht verloren, aber sie können sich nicht mehr jederzeit überall nach eigenem Gusto bewegen. Und Sie müssen an den Kosten-Nutzen-Faktor denken: Ein Kriegsschiff ist ungeheuer teuer, eine Drohne extrem günstig. Gleichwohl bleibt festzustellen: Viele Drohnenangriffe können abgewehrt werden , massive Schiffsverluste sind nicht zu verzeichnen.

Pawlak: Das ist gerade das Neue. Auf dem Papier hat die russische Marine eine erdrückende numerische Überlegenheit. Doch die Ukraine nimmt ihr mit ihren Eigenbau-Drohnen die Möglichkeit, diese überall auszuspielen. Das wurde ja auch im letzten Jahr auf der Schlangeninsel deutlich. Damals waren es allerdings in der Luft operierende Drohnen, die empfindliche Schläge auf die Seeverbindungslinien der Russen ausführten.

Nun hat die Ukraine sogar Seekorridore für Handelsschiffe an ihren Küsten angekündigt. Kann man sich darauf wirklich verlassen, kann diese Ukraine diese Seewege mit ihren Mitteln sichern?

Kollakowski: Es gibt einige wenige Beispiele, in denen Schiffe da durchgefahren sind, so die „Joseph Schulte“, aber auch die „Sahin II“ unter der Flagge von Vanuatu und die „Sukru Orkan“, ein türkisches Schiff unter der Flagge Palaus. Aber sicher befahrbar ist das Gebiet deswegen noch lange nicht, übrigens auch wegen der Minenbedrohung. Die Ukraine wird den von ihr angebotenen angekündigten Korridor zwar passierbar halten wollen, die Fahrt der „Joseph Schulte“ hat ja auch belegt, dass das so möglich ist.

Aber Seeminen wurden nun einmal von beiden Seiten verlegt, und in der Vergangenheit gab es bereits Berichterstattung über treibende Seeminen, die sich losgerissen haben. Die Ukraine hat nicht die Fähigkeit, Schiffe, die diesen Korridor passieren wollen zu schätzen, und das Beispiel der Sukru Orkan zeigt, dass Russlands Fernblockade weiterhin besteht und die Möglichkeit hat, Handelsschiffe, die die ukrainische Küste ansteuern, boarden und aufstoppen zu können. Die russische Schwarzmeerflotte ist stark genug, Russlands Drohungen gegen die Handelsschifffahrt auch umsetzen. Man sieht ja auch, dass dort kaum Schiffsverkehr stattfindet, abgesehen von der Donaumündung.

Wieso waren die einzelnen Fahrten dann möglich?

Kollakowski: Nach meiner Einschätzung aus politischen Gründen. Eine mögliche Erklärung: Russland muss Rücksicht auf Staaten im Süden nehmen, etwa den strategischen Partner Ägypten, der stark vom Getreideabkommen profitiert hatte.

Enorm wichtig für Russland ist die Partnerschaft mit der Türkei, politisch und als Erdöl-Kunde. Deshalb wird man sich bei türkischen Schiffen zurückhalten. So hat Russland zwar die „Sukru Orkan“ aufgestoppt und nach Konterbande durchsucht, aber direkte kinetische Wirkung gegen zivile Schiffe eines türkischen Reeders hätte enorme politische Kosten verursacht. Da setzt Moskau eher auf Raketenangriffe auf die ukrainische Hafen-Infrastruktur und treibt die Kosten für Versicherungen in die Höhe. Da ist die Kosten-Nutzen- Relation für Russland viel besser.

Das versucht die Ukraine ja umgekehrt mit ihren Drohungen gegen Fahrten in russische Häfen. Zu welchen Bedingungen ist Schiffsverkehr im Schwarzen Meer überhaupt noch versicherbar?

Wir sind nicht in der Lage, alle möglichen Ziele 24 Stunden am Tag zu überwachen. Es geht einfach nicht.
Julian Pawlak

Kollakowski: Nach meiner Kenntnis sind die Versicherungsprämien schon seit dem letzten Jahr enorm hoch. Es gibt eine „War Risk“-Prämie, die bis zu zehn Prozent des Wertes des gesamten Schiffes ausmachen kann. Jetzt ist der Getreidedeal ausgelaufen; die Ukraine droht mit Angriffen auf russische Häfen und hat den Tanker „Sig“ attackiert. Seither gibt es Hinweise, dass die Prämien nochmals gestiegen sind und manche Unternehmen gar keinen Versicherungsschutz mehr haben. Das hat aber nicht nur mit den Drohnen zu tun, sondern mit der Gesamtlage.

Wir hatten anfangs darüber gesprochen, wie verbreitet Seedrohnen sind. Blicken wir einmal auf staatliche Akteure, die kritische Infrastruktur angreifen könnten: Haben wir die Möglichkeit, so etwas abzuwehren?

Pawlak: Wir sind nicht in der Lage, alle möglichen Ziele 24 Stunden am Tag zu überwachen. Es geht einfach nicht. Das gilt für Ziele auf der Erdoberfläche wie Hafenanlagen und Brücken ebenso wie für unter Wasser verlegte Leitungen. In der Vergangenheit wurden meist die privaten Betreiber, denen die Kabel oder Pipelines gehören, als die angesehen, die für deren Sicherheit zuständig sind.

Wir müssen aber die Zusammenarbeit dieser Privatfirmen mit Behörden wie der Polizei und auch mit dem Militär ausbauen. Weder die deutsche Marine noch die unserer Nato-Partner werden allein in der Lage sein, wirklich alles rundum zu überwachen. Wir müssen also die Überwachungsdaten verschiedener Seiten zusammenführen. Innenministerium, Verteidigungsministerium und Wirtschaftsministerium müssen sich abstimmen.

Einfache, billige Drohnen könnten aber doch auch zur Waffe des kleinen Mannes werden, das heißt, etwa von extremistischen Gruppen eingesetzt werden. Man könnte sie mit dem Auto irgendwohin fahren und aussetzen, in einem Seegebiet, auf einem Fluss. Was tun?

Pawlak: Das haben Terroristen auch in der Vergangenheit so gemacht. Huthi-Rebellen im Jemen haben Drohnenboote eingesetzt, auch iranische Agenten haben das übrigens getan. In der Tat müssen wir solche Szenarien einpreisen, wenn wir an den Schutz vor terroristischer Bedrohung denken.

Aber wir müssen uns auch klar machen: Allumfassenden Schutz gibt es nicht. Wir müssen also Resilienz entwickeln. Wir müssen unsere Systeme redundant auslegen. Für den Fall, dass eine Brücke durch einen Anschlag beschädigt wird, muss klar sein, wo eine Ausweichroute über eine andere Brücke führt. Wenn ein Seekabel zerstört wird, müssen andere Kabel den Datenverkehr aufnehmen können. Das gleiche gilt für Stromtrassen und Pipelines.

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