Antibiotika-SäfteApotheker und Kinderärzte warnen vor Knappheit

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Medikamente liegen im Lager einer Apotheke.

Größere Lieferengpässe bei Antibiotika gibt es schon seit dem vergangenen Frühjahr.

Apotheken und Kinderärzte sind besorgt über den europaweiten Mangel an Antibiotika-Säften für Kinder. Ein Ende der Knappheit scheint noch nicht in Sicht.

Kranke Kinder und ihre Eltern haben derzeit das Nachsehen: 90 Prozent der Antibiotika, die von Kinderärzten im Rheinland verschrieben werden, sind aktuell nicht lieferbar. Das schätzt Thomas Preis, Vorsitzender der Apothekerverbände Köln und Nordrhein, und warnt: „Antibiotika für Kinder und Erwachsene sind nach wie vor knapp und werden auch knapp bleiben.“

Engpässe bei der Lieferung von Antibiotika, aber auch von vielen anderen Medikamenten, stellt der Apothekerverband bereits seit dem vergangenen Frühsommer fest. Oft ist ein verschriebenes Mittel erst in der zweiten oder dritten Apotheke zu bekommen – oder auch überhaupt nicht. Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Dienstag einen Versorgungsmangel bei antibiotikahaltigen Säften für Kinder im Bundesanzeiger bekannt gemacht.

Nach unseren ersten Erkenntnissen ist die Chance, im europäischen Ausland an Antibiotika zu kommen, ebenfalls gering.
Thomas Preis, Vorsitzender der Apothekerverbände Köln und Nordrhein

Am Freitag informierte der hiesige Apothekerverband seine Mitglieder über Handlungsalternativen. „Wir können ab sofort auch aus dem Ausland importieren“, sagt Preis. „Nach unseren ersten Erkenntnissen ist aber die Chance, im europäischen Ausland an Antibiotika zu kommen, ebenfalls gering.“ Der Mangel sei ein europaweites Problem.

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Apotheken greifen deshalb mittlerweile auf alternative Antibiotika der zweiten oder dritten Wahl zurück. Ist also etwa bei einer Streptokokken-Infektion, die derzeit öfter auftreten, Penicillin V nicht verfügbar, gebe es andere Wirkstoffe – die aber leider nicht ganz so optimal sind, so Preis. Das Risiko für sich bildende Antibiotika-Resistenzen und mögliche Nebenwirkungen sei beim Einsatz anderer Wirkstoffe erhöht, heißt es aus Fachkreisen. Ärzte sind nach wie vor angehalten, Antibiotika nur zu verordnen, wenn keine andere Therapie möglich sei.

Hersteller ziehen sich zurück

Einen wesentlichen Grund für den Mangel sieht Preis darin, dass sich Hersteller vom Markt zurückziehen. „Antibiotika sind nicht so lukrativ wie andere Arzneimittelprodukte“, so der Apotheker. Er warnt, dass sich auch weitere Hersteller zurückziehen könnten. Dazu kommen Probleme in den Lieferketten, die Inflation und Energiekrise. Der Bund will im Rahmen eines neuen Arzneimittel-Lieferengpass-Gesetz Pharmaunternehmen auch mit finanziellen Anreizen dazu bringen, Antibiotika-Reserven herzustellen.

„Die Situation für die Eltern ist prekär, für die Kinder sowieso“, sagt auch Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), zur Nachrichtenagentur dpa. Selbst Kinder, die „wirklich dringend“ ein Antibiotikum bräuchten, bekämen keins. Ländliche und städtische Gebiete seien von dem Mangel gleichermaßen betroffen. „Da kann man sich schon vorstellen, dass das für die Gesundheit nicht so gut ist und auch das Leben in Gefahr ist.“

Noch lässt sich die Situation so beherrschen, dass es durch das Zusammenwirken aller zu keiner Gefährdung der Kinder kommt.
örg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

Täglich seien viele Kinder, etwa mit einer Lungenentzündung, einer schwere Ohrenentzündung oder einer Streptokokken-Infektion, auf Antibiotika angewiesen. „Die Konsequenz, wenn wir die Kinder nicht mehr therapieren können, aber therapieren müssen, ist, sie ins Krankenhaus einzuweisen.“ In den Kliniken sei die Versorgung mit intravenösen Antibiotika noch relativ gut, aber auch dort käme es teilweise vor, dass bestimmte Mittel nicht mehr vorrätig seien.

Einen „problematischen Mangel“ und eine für die Eltern „belastende Situation“, nennt es Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Köln. „Lange Wege zu einer Apotheke, Ausweichen auf Alternativpräparate und gelegentlich stationäre Behandlungen sind die Folge. Noch lässt sich die Situation so beherrschen, dass es durch das Zusammenwirken aller zu keiner Gefährdung der Kinder kommt.“ Aus seiner Sicht habe die Politik das Problem erkannt und setze nun alles daran, nicht mehr von langen Lieferketten abhängig zu sein. „Wichtig ist jetzt, dass wir den Fokus in dieser Sache auf die Kinder legen.“ Er habe die Hoffnung, dass sich die Lage bis zur nächsten Krankheitswelle im Herbst etwas entspanne.

Mehraufwand für Ärzte und Apotheken

Besonderen Mehraufwand bedeute der Mangel an Antibiotika-Säften aber auch für die tägliche Arbeit der Kinderärzte, so Dötsch. Viele niedergelassene Pädiater seien bereits im engen Kontakt mit den Apotheken im Umkreis, fragte nach, welche Medikamente überhaupt dort vorhanden sind. In einer Situation, in der ambulante Praxen und Notaufnahmen sowieso schon überlastet seien, sei das eine Herausforderung.

Auch bei den Apotheken ist der Aufwand erheblich. „Wir müssen immer wieder mit den Ärzten telefonieren und Rücksprache halten, welche Alternativen verschrieben werden können. Das ist ein enormer Zeitaufwand“, sagt etwa ein Mitarbeiter der Paradies-Apotheke in der Kölner Südstadt. Engpässe gebe es bei verschiedenen Arzneimitteln. Berechnungen des Apothekerverbandes Nordrhein rechnen bei dem Mehraufwand der Mitarbeitenden mit mindestens einer zusätzlichen Fachkraft pro Apotheke.

Ärger mit den Krankenkassen

Ein Kraftakt sei auch die Auseinandersetzung mit den Krankenkassen, sagt Thomas Preis, Vorsitzender der Apothekerverbände Köln und Nordrhein. Zum Teil werden Rezepte von den Kassen nicht angenommen, wenn die Packungsgröße des Alternativ-Medikaments die ärztliche Verordnung um ein paar Milliliter oder einige Tabletten überschreite. „Da geht es häufig nur um ein paar Euro“, ärgert sich Preis und erwartet, dass die Kassen angesichts der dramatischen Lieferengpässe eine schnelle Versorgung durch die Apotheken nicht durch unnötige bürokratische Vorschriften verhindern. „Besonders wichtig ist das im Nacht- und Notdienst.“

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