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Britischer AbzugVor 100 Jahren verließen englische Besatzer Köln

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Englische Panzer am Kölner Dom, um 1920

Kölner umringen britische Panzer vor dem Dom. Das Foto enstand um das Jahr 1920.

Am 31. Januar 1926 zogen die letzten britischen Soldaten aus Köln ab, begleitet von Konrad Adenauers pathetischer Rede.

31. Januar 1926. Um 15 Uhr wird der Union Jack über dem Excelsior Hotel Ernst, dem Hauptquartier der Besatzungsregierung, eingeholt. Knapp zwei Stunden später verlassen die letzten britischen Soldaten nach siebenjähriger Besatzung Kölns mit der Eisenbahn. Abends versammeln sich Tausende Kölner auf dem Domplatz zu einer „Befreiungsfeier“. Auf den von Feuerschalen flankierten Domtreppen ist ein Rednerpult mit einer schwarz-rot-goldenen Flagge aufgestellt. Scheinwerfer erleuchten den ganzen Platz. Der erst seit knapp drei Monaten komplett funktionstüchtige „Decke Pitter“ wird geläutet und sorgt für eine besonders feierliche Stimmung. Konrad Adenauer, Kölns 50-jähriger Oberbürgermeister, betritt die historische Bühne und hebt zu einer pathetischen Rede an: „Die Stunde ist gekommen, der Tag der Freiheit ist angebrochen! Unsere Herzen fliegen empor zu Gott, dem Allmächtigen. Dank sei ihm, der uns gestärkt hat durch Not und Gefahr.

Befreiungsfeier vor dem Dom

Befreiungsfeier vor dem Dom

Heute sind wir wieder vereint mit unserem Staate, unserem Volke, unserem Vaterlande … Auf unserem geheiligten Platze haben die fremden Truppen gestanden; lasst uns ihm von neuem die Weihe geben! Ein Symbol der deutschen Einheit und Einigkeit ist unser Dom, wie Schwurfinger ragen zwei mächtige Türme in den nächtlichen Himmel.“ Ende 1918, sieht der OB durchaus positive Seiten in der Besatzung seiner Stadt durch die erfahrene imperiale Macht, ist sie doch nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und den damit verbundenen Wirren und Unruhen im revolutionären Köln ein stabilisierender Ordnungsfaktor. Am 6. Dezember 1918 marschieren über 50.000 britische Soldaten in blitzblank polierten Uniformen durch die Domstadt, „die einen ganz anderen Eindruck machen als die zerlumpten und schlecht ausgerüsteten deutschen Einheiten, die Köln drei Tage zuvor Richtung Osten verlassen hatten“, schreibt Christoph Nonn in seinem Buch „Köln in der Weimarer Republik“.

Kölner Schüler haben monatelang schulfrei

Die Offiziere der neuen Herrscher werden in Privathäusern, die Mannschaften in geräumten Kasernen und Schulen einquartiert. Viele Kölner Schüler haben im Winter 1918/19 monatelang schulfrei. Am 31. März 1919 wird in der Marzellenstraße 35 die Redaktion einer englischsprachigen Tageszeitung für die Besatzungssoldaten gegründet – „The Cologne Post“. Nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags 1919 wird die Anzahl der Soldaten im Zuge der Demobilisierung auf 10.000 reduziert. Dennoch sorgt die Einquartierung und der Nachzug für Familien der Offiziere wegen der Wohnungsnot in Köln für erhebliche Spannungen. Offiziere in Führungspositionen werden oft in gehobenen Wohnvierteln im Umfeld der übernommenen Kasernen einquartiert. Schwerpunkte sind Bayenthal, Lindenthal, Marienburg und Riehl. Erst mit dem Neubau der sogenannten Engländerhäuser entspannt sich die Situation. Zwischen 1920 und 1923 werden 1.380 Wohnungen für Offiziere und Unteroffiziere gebaut.

Ein Symbol der deutschen Einheit und Einigkeit ist unser Dom, wie Schwurfinger ragen zwei mächtige Türme in den nächtlichen Himmel.
Konrad Adenauer (1926)

Unmittelbar nach dem Einmarsch im Dezember 1918 muss die Stadtverwaltung das Kriegsrecht der Sieger mit anfangs strengen und von den Kölnern als demütigend empfundenen Vorschriften verkünden. Das Ganze vor dem Hintergrund noch wirkmächtiger gegenseitiger Gräuelpropaganda. Die Briten sind im Feindesland, im Land der „Hunnen“ und befürchten Attentate und Anschläge. Jeder Kölner, der älter als zwölf Jahre war, musste einen Ausweis mit sich tragen. Die Stadt verlassen kann man nur mit einem speziellen Verkehrsschein und ausschließlich zu Fuß. Die Nutzung von Automobilen, Motorrädern und Pferden ist verboten. Telefonieren und das Verwenden von Brieftauben werden von der Militärregierung untersagt. In der Öffentlichkeit dürfen keine Fotos gemacht werden, Versammlungen nicht stattfinden. Bücher, Zeitungen, Magazine und Flugblätter müssen vor der Veröffentlichung der Zensur vorgelegt werden. Von 21 Uhr bis 5 Uhr morgens gilt eine Ausgangssperre. Zu vielen Konflikten führt die Grußpflicht gegenüber britischen Offizieren. Männer müssen den Hut ziehen, um die Sieger respektvoll zu grüßen. Nach mehreren Interventionen Adenauers werden einige Bestimmungen sukzessive gelockert.

Gerne verweist der OB auf die Unterschiede zwischen dem „weltoffenen, freundlichen“ Rheinland, das für „ein anderes Deutschland“ stehe, als das „unkultivierte, militaristische“ Preußen. Für Konflikte sorgt auch das Verbot des neuen Mediums Rundfunk, gegen das unter anderem die Handelskammer Köln wegen der wirtschaftlichen Bedeutung für Handel und Industrie heftig protestiert. Dennoch sind die Besatzungsbehörden nicht gewillt, die Einrichtung einer Rundfunkstation zu genehmigen, sieht man sich doch nicht in der Lage, die Informationsverbreitungen über das neue Medium zu kontrollieren.

Enge Zusammenarbeit mit Kommunalbeamten

„Die Beibehaltung des Verbots verdeutlich noch einmal, dass die Briten, die Fähigkeit zur Informationskontrolle als unverzichtbares Herrschaftsinstrument betrachteten“, resümiert Benedikt Neuwöhner in seiner Dissertation „Britannia rules the Rhine.“ Die leitenden britischen Militärs arbeiten eng mit den führenden Kommunalbeamten zusammen. Diese Herrschaftsmethode entspricht der „indirect rule“, die sie auch in ihren Kolonien wie Britisch-Indien anwendet.

Abzug vor dem Excelsior Hotel Ernst.

Abzug vor dem Excelsior Hotel Ernst.

Kooperation gibt es auch bei der Bekämpfung radikaler Gruppen, die den Sturz der Weimarer Republik wollen. So billigen die Briten den 1920 ausgerufenen Generalstreik während des Kapp-Putsches. Der rechtsradikale Stahlhelm wird verboten, während der republiktreue Reichsbanner zugelassen wird. Die Kölner Zeitungen kommen im Januar 1926 zu einem insgesamt positiven Urteil über die britische Besatzungszeit, haben sie die Stadt doch vor Exzessen von links und rechts verschont. Auch der Leiter des Kölner Besatzungsamtes fällt wie viele andere Einheimische ein mildes Urteil: Verglichen mit der harten Besatzung der Franzosen habe man in Köln auf einer „Insel der Seligen“ gelebt