- Über ein Jahr Corona in Köln sprach Gesundheitsamtsleiter Dr. Johannes Nießen mit Henriette Sohns.
Köln – Sie leiten seit 30 Jahren Gesundheitsämter, zuvor in Bonn und Hamburg. War dies eines der schwersten Jahre ihrer Karriere?Das kann man sagen, ja. Es ist eine extreme Herausforderung, die ich so noch nicht kannte. Ich bin nach Köln gekommen, weil es das größte Gesundheitsamt in Deutschland ist, das habe ich als spannende Aufgabe gesehen. Als Rheinländer wollte ich auch gerne zurück in die Heimat. Dass es so wird, hätte natürlich keiner gedacht. Die Pandemie ist ja vor allem eine permanente Herausforderung, auch im Privaten. Man braucht unglaublich viel Kraft und Energie.
Am 28. Februar 2020 gab es den ersten Kölner Fall...
Es war der Freitag nach Karneval und abends um 21 Uhr klingelte in meinem Büro das Telefon. Es war ein Krankenhaus und man sagte mir, dass sie eine positiv getestete Patientin haben. Da war mir klar, dass es los geht. Ich habe mir vom Hausmeister eine Matratze geben lassen und die Nacht hier verbracht.
Besuch von Karl Lauterbach
Der SPD-Gesundheitsexperte und Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach hat am Freitag das Gesundheitsamt besucht. „Ich bin ein großer Fan ihrer Arbeit!“, soll Lauterbach bei der Begrüßung zum Gesundheitsamtschef Nießen gesagt haben.
Lob gab es auch für das Krisenmanagement des Gesundheitsamtes beim Ausbruch des mutierten Virus im Flüchtlingsheim an der Herkulesstraße. Anschließend habe er mit Nießen Nummern getauscht, hieß es, man wolle sich in Zukunft noch öfter miteinander besprechen. Er werde die Eindrücke aus Köln mit nach Berlin nehmen, so Lauterbach: „Ich habe bei diesem Besuch sehr viel gelernt.“ (hes)
Bis auf eine kurze Zeit im Herbst funktioniert ihr Kontaktmanagement beispielhaft. Andere Städte kommen selbst bei niedrigeren Inzidenzen kaum hinterher, Index- und Kontaktpersonen zu erreichen.
Das Personal ist das A und O. 660 Menschen verfolgen bei uns mittlerweile die Kontakte. Sie sitzen nicht mehr hier am Neumarkt, sondern im Dominium, ich nenne es immer das „Corona-Amt“. Seit Anfang Dezember wird wieder jeder gemeldete Fall von uns noch am gleichen Tag erreicht und auch deren Kontaktpersonen. Dabei hat uns die Digitalisierung geholfen, wir haben eine eigene Software entwickelt. Wir haben schon viele Dankesbriefe erhalten von Menschen, die sich während der Quarantäne von uns gut betreut fühlen.
Was hätte man rückblickend besser machen können?
Es gab eine Zeit, wo die AHA-Regeln nicht so eingehalten wurden, wie sie mussten, gerade von jüngeren Leuten. Wir haben rückblickend zu lange gebraucht, um die diese Zielgruppe zu erreichen, das würden wir heute stärker vorantreiben.
Gab es insgesamt zu wenig vorausschauende Planung?
Jeder Tag ist anders und neu, das zeichnet die Pandemie aus. Vieles ist nicht im klassischen Rahmen planbar, man muss flexibel bleiben.
Henriette Reker unterstützt die No-Covid-Strategie. Dabei sollen Lockerungen erst ab einer Inzidenz von 10 möglich sein. Was halten Sie davon?
Ich unterstütze die Strategie. Es ist entscheidend, Wellenbewegungen zu vermeiden und eine stabile Situation zu erreichen, in der es nicht mehr rasch zu einem weiteren Lockdown mit allen seinen verheerenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen kommen muss. Ich habe die Sorge, dass uns nach Karneval nun wieder höhere Zahlen erreichen werden. Es gab doch mehr private Feiern als gedacht.
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Sie wünschen sich härtere Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum – am Montag öffnen Schulen und Kitas wieder. Ist das kein Widerspruch?
Eine Erkenntnis aus der Pandemie ist, dass Kinder nicht die Hauptzielgruppe des Virus sind. Nur sehr wenige Schülerinnen und Schüler haben sich bisher infiziert, bei den Kitas sind es noch weniger. Schwere Verläufe oder Todesfälle gibt es so gut wie gar nicht. Die Öffnungen machen mir keine Sorgen. Die Erzieherinnen und Erzieher und Lehrerinnen und Lehrer in der Notbetreuung werden von uns weiter getestet, das Projekt geht bis Ostern und eventuell in die Verlängerung.
Der Zeitpunkt für strengere Maßnahmen ist sicher nicht ideal, viele Menschen sind nach Wochen im Lockdown der Maßnahmen müde...
Von einem Lockdown in den nächsten zu gehen, führt nur zu noch mehr Frust und Ermüdung in der Bevölkerung. Wir müssen die Zahl der Neuinfektionen auf ein Niveau senken, das so niedrig ist, dass unsere Gesellschaft damit gut umgehen kann. Man muss eigentlich nur in den Spiegel gucken um zu sehen, dass es lange genug ist. Aber da gibt es ja ein Licht am Ende des Tunnels: dauerhaft wieder normaler leben können. Da hat die Politik vielleicht auch zu langsam reagiert und im Oktober nur den Lockdown light beschlossen. Das ist wahrscheinlich der große Fehler gewesen und es hätte zu dem Zeitpunkt schon härtere Maßnahmen gebraucht.
Zu dem Zeitpunkt waren die Mutationen noch kein großes Thema in Köln. Was hat sich verändert?
Die Mutationen bringen sicher noch einen anderen Ton in die Gesamtmusik rein. Wir haben durchaus die Sorge, dass es mehr wird. Aktuell weisen wir bei 20 bis 25 Prozent aller Fälle eine Mutation nach. Wir haben erste Hinweise aus dem Kontaktverfolgungsmanagement, dass die Mutanten ein Drittel ansteckender sind. Das ist aber nur ein erster Eindruck. Die gute Nachricht: Es gibt keine anderen Symptome oder Krankheitsverläufe und auch die Impfungen sollen bei den Mutanten wirken.
Würden Sie den Impfstart als gelungen bezeichnen? Das Zentrum stand ja acht Wochen lang leer.
Dass die Impfzentren am 15. Dezember betriebsbereit sein müssen, war eine klare Vorgabe des Landes. Ich habe es zu der Zeit eher als „positive Ungeduld“ beschrieben. Wir hätten sicher jetzt schon eine bessere Durchimpfung, wenn wir mehr Impfstoff hätten.
Sind Sie selbst schon geimpft?
Ja, wie alle Ärzte in Köln, die Schutzimpfungen gegen das Corona-Virus verabreichen. Ich war zu Anfang als Impfarzt in den Heimen unterwegs, da wurde dann das ganze Impfteam auch geimpft. Das war kurz nach Weihnachten, da gab es wenig freiwillige Ärzte und ich habe mich bereit erklärt, zu helfen. Ein leeres Fläschchen des Impfstoffes habe ich auf meinem Schreibtisch stehen. Quasi als Erinnerung.
Wir haben in Köln seit gestern mehr als 500 Todesopfer zu beklagen...
Das ist traurig. Dennoch liegt die Sterberate in Köln mit 1,5 Prozent noch weit unter dem Bundes- (2,8 Prozent) und Landesschnitt (2,39 Prozent).
Woran liegt das?
Vielleicht an unserem schnellen Kontaktmanagement. Das ist eine Vermutung. Das wurde aber noch nicht genau untersucht. Wir arbeiten auch mit dem Rechtsmedizinischen Institut zusammen, das klären soll, woran das liegt.

