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Alternativer KarnevalKölner Geisterzug wird 35 Jahre alt – Weg führt durch Nippes

3 min
Der Geisterzug 2025. Die Menschen ziehen nachts kostümiert durch die Straße. Auf einem Demoschild steht „Ohne Kultur kein Karneval“.

„Mer bruche Jeld för Kultur“: Im vergangenen Jahr demonstrierte der Geisterzug gegen die zunehmenden Kürzungen im Kulturbereich.

Der Geisterzug feiert dieses Jahr sein 35. Jubiläum. Erich Hermans hat 1991 die Tradition zum Leben erweckt. 

Im Jahr 1991 legten die Jecken nach langen Verhandlungen ihre Kostüme ab: Wegen des Zweiten Golfkriegs fiel der Rosenmontagszug aus. Damals überzeugte Erich Hermans das Kölner Friedensplenum, eine Anti-Kriegs-Demonstration zu organisieren – und nutzte dafür die traditionelle Rosenmontagsstrecke. So gingen Demonstrierende und Karnevalisten gemeinsam gegen den Krieg auf die Straße. Gleichzeitig war dies die Geburtsstunde des Geisterzugs: Ein Jahr später gab es den ersten offiziellen „Jeisterzoch“ unter dem Motto „d'r Ähzebär kütt“. In diesem Jahr feiert der Umzug sein 35-jähriges Bestehen.

Der Geisterzug ist ein alternativer Umzug und eine politische Demonstration zugleich. Jahr für Jahr ziehen die Jecken – dem Namen entsprechend als Skelette, Gespenster oder Hexen verkleidet – unter wechselnden Mottos durch die Straßen Kölns. Immer woanders und nachts, ohne Kamelle und Fahrzeuge. Dafür mit klarer politischer Haltung.

Ein Thema, das vielen Kölnern unter den Nägeln brennt

In diesem Jahr richtet sich der politische Karnevalszug gegen ein Thema, das „vielen Kölnern auf den Nägeln brennt“, wie Hermans sagt. Unter dem Motto „Allerhühste Zick för en andere Wunnungspolitik – mer könne nit all em Dom schlofe!“ zieht der Geisterzug am Samstag, 7. Februar, durch Nippes (siehe Grafik). Demonstriert wird gegen hohe Mieten und für eine gerechtere Wohnungspolitik. Veranstalter ist der Verein „Ähzebär un Ko“, dessen Vorsitzender Hermans ist. Rund 2000 Menschen habe er zum diesjährigen Geisterzug angemeldet.

Mittlerweile organisiert der 70-jährige sein halbes Leben lang den Geisterzug – dass der mal sein 35. Jubiläum feiern würde, habe er nicht gedacht. Trotzdem mache ihm die Organisation immer Spaß, trotz des hohen Aufwands. Der Verein treffe sich einmal im Monat. „Wir überlegen, wo wir lang gehen und unter welchem Thema wir demonstrieren“, sagt er. Das Motto stehe spätestens im Herbst vor Karneval fest. „Wir wussten, dass sich die Wohnungsnot bis dahin nicht bessern würde.“

Die Route des Geisterzuges ist jedes Jahr woanders in Köln.

Die Route des Geisterzuges ist jedes Jahr woanders in Köln.

Hermans erinnert sich: „Ich habe schon einige Jahre vor dem Golfkrieg den Vorschlag für einen Geisterzug gemacht. Aber das kam nicht zustande, weil es zu kurzfristig war.“ 1991 sei die Zeit schließlich reif gewesen. Dabei sind Geisterzüge keine neue Erfindung: Bereits seit dem 19. Jahrhundert gab es sie im Kölner Karneval. Durch die Weltkriege gerieten sie in Vergessenheit – bis Hermans die Tradition wieder aufleben ließ.

Der Geisterzug musste im Laufe der Jahre einige Hürden überwinden. 2006 wäre er aus finanziellen Gründen beinahe ausgefallen: Es gab kaum Spender und Sponsoren, „Ähzebär un Ko“ hatte den Zug bereits abgesagt. Die Behörden baten jedoch darum, ihn dennoch durchzuführen – aus Sorge, dass es andernfalls zu unangemeldeten, unkontrollierten Geisterzügen in der Stadt kommen könnte. So zog doch ein kleiner „Jeisterzoch“ durch Köln. Mittlerweile habe sich die finanzielle Situation des Vereins gebessert: „Wir haben neue Sponsoren gefunden, die uns unterstützen.“ Hermans betont: „Wichtig sind uns natürlich insbesondere die Spenden unserer Teilnehmer.“

„Ähzebär“: Erich Hermans als das Vereins-Maskottchen.

„Ähzebär“: Erich Hermans als das Vereins-Maskottchen.

„Wir waren von Anfang an ein politischer Karnevalszug“, sagt Hermans. „In den ersten Jahren haben Polizei und Ordnungsamt gesagt, dass man Demonstrationen an Karneval nicht anmelden könne.“ Bis 2019 fand der Zug dennoch am Karnevalssamstag statt – nicht ohne Probleme. „Der Zug ist oft auseinandergerissen worden“, erinnert sich Hermans. Zu viel sei an diesem Tag los gewesen.

Hermans blieb hartnäckig: „Wir haben dann gesagt, wenn wir an dem Samstag keine Demonstration anmelden dürfen, versuchen wir es mal eine Woche vorher.“ Seit 2020 zieht der Geisterzug nun traditionell am Samstag vor Weiberfastnacht als erster Zug der Session durch die Stadt. „Jetzt sind wir auch eine offizielle Demonstration“, erzählt Hermanns. „Natürlich haben wir starke karnevalistische Elemente.“