WDR-Doku erscheintJahrhundertraub in Köln – als Diebe die Domschatzkammer plünderten

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Die frühere Schatzkammer des Kölner Doms vor dem Raub 1975.

Die frühere Schatzkammer des Kölner Doms vor dem Raub 1975. Sie befindet sich heute unter der Erde.

1975 plünderten drei Diebe die Kölner Domschatzkammer. Zeitzeugen sprechen nun in einer neuen WDR-Doku über die Hintergründe.

Es ist eine unglaubliche Geschichte, die reichlich Stoff für einen Hollywood-Krimi bieten würde. Der spektakuläre Einbruch in die Domschatzkammer am 2. November 1975 sorgte seinerzeit für Fassungslosigkeit in Köln und machte international Schlagzeilen. Verfilmt wurde die Story jetzt von Lothar Schröder für den WDR.

In seinem 45-minütigen Dokumentarfilm, der am Freitag ausgestrahlt wird, kommen zahlreiche Zeitzeugen zu Wort, darunter Autor Georg Bönisch, der damals für die „Kölnische Rundschau“ über den spektakulären Raub berichtete. Er habe es „sehr verblüffend“ gefunden, wie leicht man es den Dieben letztlich gemacht habe, sagt Bönisch in der Rückschau.

Denn vor der Domschatzkammer stand damals ein Baugerüst hinter einer Bretterwand, über das die Diebe unbemerkt zu einem Lüftungsschacht gelangten, der direkt in die Domschatzkammer führte. Er war zwar mit einem Gitter und einer Alarmanlage gesichert, trotzdem kamen die Täter unentdeckt hinein. „Man muss diesen Räubern zubilligen, dass sie gut waren in ihrem Job. Das ist keine ethische Wertung. Faktisch waren die gut“, sagt der frühere Dompropst Norbert Feldhoff, der die Ereignisse damals als Generalvikar hautnah miterlebte.

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Wie sich später herausstellt, zeichnen drei Jugoslawen für den aufsehenerregenden Coup verantwortlich: der Kunstmaler Ljubomir Ernst und seine Komplizen Borislaw Tunjic und Viliam Dalavale. Sie haben sich vor der Tat Werkzeug und Bergsteigerausrüstung besorgt. Der schmale Tunjic klettert durch den nur 40 Zentimeter breiten Schacht in die Schatzkammer, während ihn Dalavale mit einem Seil sichert und Ernst draußen auf der Domplatte Schmiere steht.

Tunjic bricht mit einem Stemmeisen die ungesicherten Vitrinen auf und stiehlt gezielt besonders wertvolle Objekte aus der Sammlung kostbarer liturgischer Objekte, die die Männer tags zuvor bei einem Besuch in der Schatzkammer ausgewählt haben. Darunter sind drei goldene Monstranzen, zwölf Bischofsringe und die berühmte sogenannte Kusstafel.

 Die zwei Domschweizer, die den Dom nachts bewachen, merken zu spät, dass sich Fremde in der Schatzkammer befinden. Als sie ein Geräusch hören und an die verschlossene Tür klopfen, zu der sie keinen Schlüssel haben, ergreifen die Diebe die Flucht. Mit ihrer Beute springen sie draußen vom Gerüst direkt vor die Füße einiger Jugendlicher. Die laufen zum Bahnhof und informieren die Bahnhofspolizei, dass Einbrecher im Dom seien. Doch die Beamten hätten geantwortet „Dafür sind wir nicht zuständig“, berichtet Maria Therese Mösch, die seinerzeit zuständige Staatsanwältin, im Film.

Wertvolle Zeit verrinnt. Bis die Polizei am Dom eintrifft, sind die Einbrecher längst weg. Trotzdem gerät Ljubomir Ernst wegen eines früheren Kunstraubs schnell ins Visier der Polizei. Als Beamte ihn in seiner Wohnung aufsuchen, befindet sich der geraubte Domschatz dort in einem Koffer. Doch das ahnen die Polizisten nicht – und Ernsts Verlobte kann den Koffer unbemerkt im Keller eines Nachbarns verstecken.

Am nächsten Tag flieht Ernst mit der Beute nach Jugoslawien – Auftakt zu einer Verbrecherjagd quer durch Europa, die schließlich mit seiner Verhaftung in Italien endet. Es ist vor allem Staatsanwältin Maria Mösch, in der Unterwelt respektvoll „Bloody Mary“ genannt, die hartnäckig an dem Fall dran bleibt und den deutschen Geheimagenten Werner Mauss darauf ansetzt. Der schildert im Film erstmals, wie er undercover zunächst das Vertrauen der beiden Komplizen von Ernst gewinnt und sie in eine Falle lockt. Sie werden am Ende in der Schweiz in einem gestohlenen Mercedes festgenommen, in dem Teile des Domschatzes  versteckt sind.

Später kann Mauss Ljubomir Ernst nach Mailand locken, wo die Handschellen klicken. 1978 wird Ernst in Köln wegen besonders schweren Diebstahls zu siebeneinhalb Jahren Haft verurteilt. Den Sachschaden beziffert die Staatsanwaltschaft auf zehn Millionen D-Mark. Tunjic und Dalavale bekommen fünf Jahre. Doch Teile des Domschatzes bleiben bis heute verschwunden und sind wohl für immer verloren, darunter die Kusstafel aus der Zeit um 1533. Die Objekte aus Gold hat Ernst mit Hilfe eines Belgrader Zahnarztes eingeschmolzen. Die gestohlene Prunkmonstranz wird später von Domgoldschmied Peter Bolg mit Hilfe von Fotos rekonstruiert, was acht Jahre dauert. Dabei verwendet Bolg auch eingeschmolzenes Gold aus der originalen Monstranz.

Der WDR zeigt die Dokumentation „Der Raub des Kölner Domschatzes – Die Jagd nach den Dieben“ am Freitag, 23. Februar, um 20.15 Uhr im Dritten.


Domräuber

1574 ereignet sich ein spektakulärer Coup im Dom. Ein Unbekannter bricht am frühen Morgen des 28. Januar vom Dreikönigenschrein den Ptolemäer-Kameo samt Juwelen und Perlen ab und nimmt ihn mit. Die um 278 vor Christus geschaffene Kamee war der wertvollste Schmuckstein des Schreins. Der Dieb entkommt unerkannt. Später taucht die Kamee in Rom wieder auf, heute befindet sie sich im Kunsthistorischen Museum in Wien.

1995 wird am 8. Februar gegen 16.30 Uhr das silberne Vortragekreuz aus der Domschatzkammer geklaut. Am selben Tag meldet sich die Rotlichtgröße Heinrich Schäfer, genannt Schäfers Nas, bei Dompropst Bernard Henrichs. Schäfer ist sauer über den Diebstahl, er sagt: „Den Dom bekläut mer nit.“ Er lässt seine Unterweltkontakte spielen, kann das Kreuz wiederbeschaffen. Auf die Belohnung von 3000 Mark verzichtet er.

2016 stehlen Unbekannte am 5. Juni eine Reliquie mit einem Blutstropfen des heilig gesprochenen Papstes Johannes Paul II. Sie bleibt bis heute verschwunden. (fu)

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