Interview mit Dr. Dirk SchedlerWünsche zur Organspende noch zu Lebzeiten festhalten

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Eine Person hält einen Organspendeausweis in der Hand

Ob man seine Organe spenden möchte, sollte mithilfe eines Ausweises dokumentiert werden.

Der Transplantationsbeauftragte der Uniklinik,  Dr. Dirk Schedler, über eine neue Studie und Hürden bei der Organspende.

Die deutschen Organ-Spenderzahlen sind im internationalen Vergleich gering. Die Transplantationsbeauftragen von sieben NRW-Universitätskliniken gehen in einer Studie der Frage nach, welchen Einfluss ein Entschluss zu Lebzeiten auf die Entscheidung für eine Organspende hat. Einer von ihnen ist Dr. Dirk Schedler (48), hauptamtlicher Transplantationsbeauftragter der Uniklinik Köln. Die Ergebnisse wurden nun im Deutschen Ärzteblatt veröffentlicht.

Herr Dr. Schedler, Umfragen aus dem vergangenen Jahr zufolge sagen 83 Prozent der Befragten, dass sie einer Organspende zustimmen würden. Gehört es zum guten Ton, Organspender zu sein?

Das ist so als würde man gefragt werden, ob man für Naturschutz ist, da kann man schlecht nein sagen. Die Zahlen decken sich aber leider nicht mit unseren, die Realität in den Krankenhäusern sieht ganz anders aus. Ein Beispiel: In der Studie wurden über einen Zeitraum von einem Jahr 289 Todesfälle mit Hirnschädigung analysiert. Eine Zustimmung zur Organspende gab es nur in 110 Fällen, das entspricht gerade mal 38 Prozent.

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Portrait von Dirk Schedler

Dr. Dirk Schedler, hauptamtlicher Transplantationsbeauftragte Arzt der Uniklinik Köln

Woran liegt das?

In der Studie hatten von allen potentiellen Organspendern nur 14 Prozent ihren Willen schriftlich dokumentiert. In dieser Gruppe lag die Zustimmung zur Organspende bei 70 Prozent. Wenn die Angehörigen jedoch allein nach eigenen Wertvorstellungen entscheiden mussten, lag die Zustimmungsrate nur noch bei zehn Prozent. Deshalb ist es nicht nur wichtig, einen Organspendeausweis oder eine Patientenverfügung zu haben, sondern vor allem noch zu Lebzeiten mit seinen Angehörigen über seine Wünsche zu sprechen.

Warum glauben Sie, machen das so wenige Menschen?

Das Sterben und schwere Krankheit sind gerade bei der älteren Generation oft Tabuthemen. Oft sagen mir Angehörige: Darüber konnte ich mit ihm oder ihr nicht sprechen. Dabei erleichtert man seiner Familie in dem Moment der Trauer eigentlich so vieles mit einer klaren Entscheidung. Als Organspender kommen Menschen infrage, deren Gehirn seine Funktion nach einem Umfall oder einer Krankheit eingestellt hat.

Als Transplantationsbeauftragter sprechen Sie mit den Angehörigen. Wie stellen Sie die Frage nach der Organspende?

Das eine Gespräch oder die eine Frage, das gibt es so nicht. Oft werden über mehrere Tage Gespräche mit den Ärzten geführt, wenn sich der Gesundheitszustand verschlechtert. Wünsche und Wertvorstellungen des Patienten stehen dann im Vordergrund. Ich versuche die Gespräche empathisch zu führen, auch Zeit für Trauer zu zulassen. Darüber sind viele sehr dankbar. Wichtig ist: Wir überreden die Menschen nicht, wir beantworten aber alle Fragen und klären über Vorurteile auf.

Was sind denn die häufigsten Vorurteile beim Thema Organspende?

Da gibt es einige. Dass man für Menschen, die einen Organspendeausweis dabei haben, medizinisch nicht mehr alles tut. Dass die Diagnose Hirntod vorschnell getroffen wird. Dann erkläre ich, dass die Bemühungen, das individuelle Leben zu retten, für jede Ärztin und jeden Arzt immer an erster Stelle stehen und dass die Richtlinien in Deutschland so streng sind, dass die Todesfeststellung in diesem speziellen Fall sogar von zwei Fachärzten unabhängig voneinander erfolgen muss.

Gibt es Fälle, die sie persönlich berühren?

Natürlich, sie berühren mich immer. Tief beeindruckt war ich in der Vergangenheit vor allem von besonders jungen Menschen, die schon klar ihre Wünsche dargelegt hatten. Etwa ein 18-jähriger Engländer, der in Köln nach einem allergischen Schock gestorben ist. Er hatte sich in seiner Heimat bereits in das dortige Register eingetragen. Oder ein 21-Jähriger, der einen Sporttauchunfall hatte. Er hatte einen Organspendeausweis und seine Wünsche auch mit seinen Eltern besprochen.

Was braucht es, damit mehr Menschen auf der Warteliste ein Spenderorgan bekommen?

Jeder sollte sich zu Lebzeiten mit der Frage auseinandersetzen und, ich habe es bereits gesagt, mit seinen Angehörigen über seine Wünsche sprechen. In diesem Jahr soll das zentrale Organspenderegister in Deutschland kommen. Ich würde es auch begrüßen, wenn die Widerspruchsregelung, durch die jeder zum potentiellen Organspender wird, außer er widerspricht, erneut im Bundestag verhandelt wird. Nicht nur um mehr Spenderorgane zu bekommen, sondern auch um Angehörigen die Entscheidung zu erleichtern.


2022: Zehn Organspender an der Uniklinik

Die Zahl der Organspenden ist im vergangenen Jahr gesunken. Laut der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gab es 2022 6,9 Prozent weniger Spenden als 2021.

An der Kölner Uniklinik gab es im vergangenen Jahr 51 potentielle Organspender, jedoch wurden nur in zehn Fällen Organe entnommen. Das hatte medizinische Gründe, aber auch die fehlende Zustimmung der Angehörigen.

Das kostenlose Infotelefon Organspende ist montags bis freitags von 9 bis 18 Uhr unter 0800 90 40 400 erreichbar. 

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