Düsseldorf – Als alles vorbei ist, macht Armin Laschet am Dienstagnachmittag beim ersten offiziellen Termin als gemeinsamer Kanzlerkandidat der Union in Berlin ein freundliches Pokerface. Er ist eigentlich kein Zocker. Beim Fußball-Toto in seinem Aachener Tabak-Geschäft setzt der Fan des FC Bayern München seit Jahren nur auf Unentschieden. Das gebe die besten Quoten, sagt er aus Erfahrung. Als Zeichen von Zögerlichkeit oder gar Unentschlossenheit wollte der CDU-Vorsitzende sein Tipp-Verhalten aber nie gedeutet wissen.
Im Machtkampf um die Kanzlerkandidatur hat der Mann des Ausgleichs jedoch bewiesen, was ihm die wenigsten zugetraut hätten: Härte, Nervenstärke, Durchhaltevermögen. Er hat den brennenden Ehrgeiz des populären CSU-Chef Markus Söder einfach ausgesessen. Dessen formelhafte Unterstützung nach der Schlacht im Stile einer Personalabteilung im Trennungsfall („Wir wünschen Herrn Laschet für seine neue berufliche Herausforderung alles Gute“) nahm der CDU-Vorsitzende ebenso klaglos hin.
Eine Karriere gegen viele Wahrscheinlichkeiten
So macht Laschet eigentlich schon seit drei Jahrzehnten eine Karriere gegen viele Wahrscheinlichkeiten. Er gilt eigentlich als zu freundlich, zu wenig kantig, zu rheinisch plaudernd, zu unorganisiert. Doch über viele Umwege kommt er ans Ziel. Oft war Laschet der kleinste gemeinsame Nenner. Derjenige, der stehen blieb, wenn sich andere unmöglich gemacht hatte oder blockierten. Der Nette, auf den man sich irgendwie verständigen konnte. Er wird meist nicht gewählt für das, was er ist, sondern für das, was er nicht ist. Kein Friedrich Merz. Keine Hannelore Kraft. Kein Norbert Röttgen. Und nun eben: kein Markus Söder.
Als Mann der relativen Siege bahnte er sich den Weg nach oben. Laschet weiß, wie Gremien in Parteien funktionieren und dass sich in der repräsentativen Demokratie eben selten die grellen Stars durchsetzen, sondern meist die etwas grauen Kompromisskandidaten. Im Januar wählte die CDU Deutschlands Laschet nicht zuletzt deshalb zu ihrem neuen Bundesvorsitzenden, weil die Angst vor dem Basis-Helden und potenziellen Unruheherd Friedrich Merz größer war.
Die Fähigkeit, Glück aufzufangen und immer weiterzumachen
Im Fußball zeichnet den guten Stürmer aus, für Abstauber zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Laschet verfügt über diese Fähigkeit, Glück aufzufangen. Er hat sich nie davon beirren lassen, dass er parteiintern als allzu liberaler „Türken-Armin“ oder als „Laschi“ verspottet wurde. Laschet macht einfach immer weiter. Er ist gesegnet mit diesem rheinische Selbstbewusstsein, dass sich die Dinge am Ende zum Guten wenden, wenn man bloß die Nerven behält.
Laschet kann viel ertragen, weil er ein intaktes privates Umfeld und einen sicheren Vorrat an politischen Lebensthemen pflegt. Fast sein gesamtes Leben verbringt er in Aachen-Burtscheid. Mit Frau Susanne, einer lebenslustigen Buchhändlerin, bewohnt er bis heute ein Reihenhaus ganz in der Nähe seines Elternhauses. Sie haben sich im Kirchenchor kennengelernt, den Susannes Vaters leitete. Dort sang auch jener Jugendfreund mit, der Laschet 1979 mühevoll die CDU-Mitgliedschaft aufschwatzte.
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Über die Gemeindearbeit fand der Katholik zum politischen Engagement. Dort richtete er seinen Wertekompass aus, der ihn bis heute leitet. Laschet gehört zu den wenigen Spitzenkräften der CDU, die das „C“ im Parteinamen hochhalten. Christliches Menschenbild, gesellschaftliche Liberalisierung, Europa – das ist für ihn nicht verhandelbar. Der Politiker Laschet musste sich nie häuten, weshalb ihn viele Profis in den Gremien der CDU dem politischen Verpackungskünstler Söder am Ende doch vorzogen. „Der Armin ist echt“, sagt sein Vertrauter und Innenminister Herbert Reul.
Laschet hat in seiner Laufbahn häufig verloren und nahm manchen Umweg zum Ziel. Getragen wird er von der Familie und echten Freunden außerhalb der Politik: seinen drei erwachsenen Kindern, seinen drei Brüdern, seinen Vertrauten. Sein wichtigster Mentor in der Politik war der verstorbene frühere CDU-Generalsekretär Peter Hintze. Die Lücke ist im System Laschet bis heute nicht geschlossen.
Ein konservativer Sponti, der immerzu auf Sicht fährt
In der persönlichen Begegnung gewinnt Laschet. Wer ihn kennenlernt, ist oft überrascht, wie humorvoll, belesen, aufmerksam und vielseitig interessiert er sein kann. Im öffentlichen Auftritt kommt er dagegen meist fahrig und gereizt rüber. Laschet hat bis heute nicht akzeptiert, dass in einer schnelllebigen Medienwelt mit den Sozialen Netzwerken als Beschleunigern jedes Wort und jede Geste bedacht werden muss. Kompetenzvermutung bei den Bürgern entsteht vor allem aus Bildern und Symbolen. Doch er lehnt „Inszenierung“ ab, obwohl Authentizität in der Politik kein Wert an sich ist.
Für einen Bundestagswahlkampf, der in Corona-Zeiten vorwiegend digital und medial geführt werden muss, verheißt das alles nichts Gutes. Zumal Laschet an vielen Fronten gefordert sein wird: als Krisenmanager in der Düsseldorfer Staatskanzlei, als Integrationsfigur in der zerstrittenen Union, als Projektionsfläche für die Nach-Merkel-Ära. Kann er das? Laschet gilt als schludriger politischer Handwerker. Ein rheinischer Bauchpolitiker mit vielen Ideen, ein konservativer Sponti, der immerzu auf Sicht fährt. Laschet will zusammenführen, wenn Führung gefragt ist. Er stellt Fragen, wenn Ansagen erwartet werden. Die miserablen Umfragewerte sind Spiegelbild seiner häufig verunglückten Auftritte. Auch in der K-Frage zeigte sich, dass er nur schwer eine Linie in seine Politik bekommt. Ob der schale Sieg im Kampf um die Kanzlerkandidatur der Union nun zu einer Neuerfindung des Armin Laschet führt?