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Im Gespräch mit Bettina Böttinger „Sich breiter aufstellen als nötig“

Bettina Böttinger 2_honorarfrei

Bettina Böttinger

Die Moderatorin Bettina Böttinger (61) absolvierte das 1. Staatsexamen in Geschichte und Germanistik an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität in Bonn. Mit ihr sprach Katharina Hamacher.

Sie blicken auf eine mehr als 30-jährige Karriere in Radio und Fernsehen zurück. Können Sie sich heute noch vorstellen, dass Sie ursprünglich einmal eine Schulklasse unterrichten wollten?

Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, aber ich hatte nie vor, Lehrerin zu werden. Lehramt interessierte mich nicht wirklich, sondern es war eher eine Verlegenheitslösung. Ich habe nur deshalb auf Staatsexamen studiert, weil mir damals nichts Besseres einfiel. Es gab keine Berufsberatung und ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Also habe ich mich für Germanistik und Geschichte eingeschrieben und dazu noch etwas Psychologie belegt, weil das Fächer waren, die mich inhaltlich interessierten. Die wollte ich studieren, unabhängig davon, was dabei herauskam. Das hat zum Glück gut funktioniert.

Zur Person

Alles zum Thema Westdeutscher Rundfunk

Die Journalistin, Moderatorin und Produzentin Bettina Böttinger ist seit mehr als 30 Jahren erfolgreich. Ihre Karriere startete sie beim Westdeutschen Rundfunk und wurde dort nach kurzer Zeit die jüngste Redaktionsgruppenleiterin. Ihren Durchbruch erzielte die gebürtige Düsseldorferin mit der Sendung „B. trifft“, die sie mit ihrer 1994 gegründeten Produktionsfirma Encanto produzierte. Sie moderierte Formate wie „Hier und heute“ oder „Westart Talk“. Seit elf Jahren ist ihre Sendung „Kölner Treff“ ein festes Format im WDR. Seit 2016 moderiert sie den Zuschauertalk „Ihre Meinung“ sowie seit Juli das Format „Böttingers Bücher“.

Wann haben Sie gemerkt, dass Journalismus das Richtige ist?

Ich habe immer gearbeitet, weil ich mir das Studium größtenteils selbst finanzieren musste. Neben meinem Kellnerjob habe ich auch für die Bonner Rundschau gearbeitet, auf die Idee hat mich ein befreundeter Redakteur gebracht. Obwohl die Behandlung mies und die Bezahlung erbärmlich war, habe ich gemerkt, dass mir die journalistische Arbeit große Freude bereitet.

Der Durchbruch kam beim WDR. Wie schafften Sie den Einstieg?

Das hat gedauert. Als ich das Staatsexamen in der Tasche hatte, dachte ich, super, jetzt kann ich richtig durchstarten, und habe unzählige Bewerbungen für ein Volontariat geschrieben. Allerdings habe ich eine Absage nach der anderen kassiert und fühlte mich mies. Damals sah zunächst nichts nach einer erfolgreichen Berufslaufbahn aus. Zudem war es schwierig, mich mit der freien Mitarbeit über Wasser zu halten. Für eine Reportage, an der ich zwei Tage gesessen habe, bekam ich gerade mal 30 Mark und in der Redaktion wurden wir Freie nicht einmal mit Namen angesprochen. Der Bekannte, der mich zur Zeitung gebracht hatte, riet mir, mich beim WDR zu bewerben. Ich war zögerlich, bis ich ein einschneidendes Erlebnis hatte.

Was war passiert?

Ich hatte eine Rezension über ein Buch von Wolfgang Herles verfasst. Der Autor, damals Redakteur bei der FAZ, hatte mir daraufhin über die Lokalredaktion ein Schreiben zukommen lassen, in dem er meine Rezension als die beste und intelligenteste lobte, die er bekommen hatte, und mir riet, mich bei der FAZ zu melden. Dieses Schreiben hat mir der Lokalchef nicht ausgehändigt. Ich erfuhr erst Wochen später davon und war daraufhin so außer mir, dass ich Türen knallend die Redaktion verließ und in meinem klapprigen Honda schnurstracks nach Köln zum WDR-Funkhaus bretterte.

Sie sind aber nicht direkt in die Redaktion marschiert, oder?

Das hatte ich vor, aber mir war gar nicht klar, dass der Pförtner mich aufhalten würde (lacht). Stattdessen habe ich einfach am Empfang nach dem damaligen Chef vom Dienst verlangt. Es war der reine Mut der Verzweiflung und das erste Mal in meinem Leben, dass ich wirklich gezielt etwas für meine berufliche Laufbahn unternommen habe. Und es hat geklappt. Der Pförtner hat mich tatsächlich mit Manfred Erdenberger verbunden und ich platzte am Telefon heraus: „Mein Name ist Bettina Böttinger und ich möchte bitte sofort für den Westdeutschen Rundfunk arbeiten.“ Er lachte schallend und antwortete: „Das ist ja großartig, Frau Böttinger, aber schicken Sie mir doch bitte zunächst einmal Ihre Arbeitsproben.“ Das hab ich direkt am nächsten Tag getan, denn ich hatte vom Lokalen über Feuilleton und Politik bereits viel geschrieben und Arbeitsproben ohne Ende. Erdenberger hat sich wenig später gemeldet und mich an fünf Redaktionen empfohlen. Von da an turnte ich im Sender rum, es ging mir glänzend und ich wusste: Das ist genau das, was ich machen wollte. Nach sechs Wochen habe ich eine feste Stelle angeboten bekommen.

Heute sind Sie als Moderatorin, Journalistin und Produzentin überaus erfolgreich. Haben Ihnen rückblickend die Inhalte Ihres Studiums in bonn bei Ihrer Karriere weitergeholfen?

Das denke ich schon. Damals war das System weit weniger verschult als heute und ich hatte es keineswegs eilig, zumal ich ja keine konkrete Berufsvorstellung hatte. Ich habe das Studium als Lernende sehr genossen – nicht nur, was den Stoff angeht, sondern auch, was das Leben betrifft. Zudem waren die späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre bewegte Zeiten, in denen viel passierte. Die Menschen waren viel politischer als heute. Ich habe wahnsinnig viel gemacht und alles aufgesogen, war in politischen Gruppen aktiv, habe Demos mitgemacht, mich in Lesezirkeln getummelt und der Frauenbewegung angeschlossen. Ich fand es großartig, zwischendurch psychologische Seminare und kunsthistorische Vorlesungen zu besuchen. Dafür bin ich sogar früh aufgestanden. Ich habe gemerkt: Es gibt auch außerhalb meiner Studienfächer ein riesiges Feld, das mich interessiert.

Was würden Sie Studierenden in der heutigen Zeit raten?

Wenn es unter dem Druck der Prüfungen möglich ist, würde ich jedem ans Herz legen, keinesfalls ein Schmalspurstudium hinzulegen, sondern immer zu versuchen, den Blickwinkel zu weiten und den Blick in alle Richtungen schweifen zu lassen. Gerade im Journalismus kann man früh lernen, die Kernfragen herauszufinden. Mich im Germanistikstudium ganz konkret mit Texten und Sprache zu beschäftigen, hat mir sehr geholfen. Heutzutage gibt es ja die unterschiedlichsten Ausbildungsmöglichkeiten im Medienbereich. Ich würde immer empfehlen, sich nach Möglichkeit breiter aufzustellen, als es eigentlich nötig ist. Wir alle sind heutzutage viel stärker als früher sehr fachspezialisiert, das sollten wir auf jeden Fall etwas ausweiten.