True CrimeKommissar spricht im Podcast über Eifeler Fall Lolita Brieger

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Ermittlungsleiter Wolfgang Schu, hier mit Baggerfahrer Johann Heinz am Fundort der Leiche, ist es zu verdanken, dass Lolita Briegers Schicksal aufgeklärt wurde.  

Dahlem-Frauenkron – 40 Jahre ist es her, als die 18-jährige Lolita Brieger aus Frauenkron 1982 spurlos verschwand. Für ihre Familie folgten fast 30 Jahre der quälenden Ungewissheit, bis die Leiche der jungen Frau 2011 vergraben auf einer Müllkippe gefunden wurde, ihrem damaligen Freund der Prozess gemacht und ein Urteil gesprochen wurde. Das Landgericht Trier stellte fest, dass er seine schwangere Freundin getötet hat, ihm ein Mord aber nicht nachzuweisen ist. Und da Totschlag verjährt war, verließ er den Gerichtssaal als freier Mann.

In seiner Reihe „Verbrechen von nebenan“ greift True-Crime-Podcaster Philipp Fleiter in der am Montag erschienenen Folge den Fall Lolita Brieger auf. Das Besondere daran: Er spricht mit dem Mann, der über Jahre nicht locker gelassen und den Fall aufgeklärt hat – Hauptkommissar Wolfgang Schu, der inzwischen seit vier Jahren pensioniert ist.

Polizei bot Philipp Fleiter die Zusammenarbeit an

Den spektakulären Fall, der nach so vielen Jahren gelöst wurde, sagt Fleiter, habe er schon länger auf seiner Liste gehabt. Dass und wie er ihn dann hat aufarbeiten können, war auch für ihn ungewöhnlich: Die Polizei Rheinland-Pfalz sei auf ihn zugekommen, ob man nicht zum 75-jährigen Bestehen der Polizei etwas zusammen machen könne. Man könne gerne mit Kontakten, etwa zu Ermittlern, helfen. „Ich konnte es selbst kaum glauben“, sagt Fleiter dazu: „Das war schon eine Art Ritterschlag.“

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Podcaster Philipp Fleiter hat den Fall Lolita Brieger aufgearbeitet.

Wenn sich Polizei oder auch Angehörige an ihn wenden, zeige ihm das, dass er mit seinen Podcasts offenbar den richtigen Ton trifft: „Mir ist wichtig, die Fälle nicht sensationsheischend zu behandeln.“ Er sei sich gerade bei ungelösten Fällen auch seiner Verantwortung bewusst, etwa keine falschen Erwartungen zu wecken: „Ich sehe mich nicht als Ermittler und mache nicht den Fehler zu denken: Ich bin besser als die Profis.“

Ermittlungsleiter Schu gibt Einblicke in seine Arbeit

Mit Schu, der mit seiner ruhigen, unaufgeregten und empathischen Art bereits während der Ermittlungen die Menschen beeindruckt hat, ist auch für diejenigen, die den Fall noch sehr nah in Erinnerung haben, ein hörenswerter Podcast entstanden – gerne würde man länger zuhören als die gute Stunde, die er dauert. Seit 2002 war Schu immer wieder mit dem Fall befasst, neben aktuellen Fällen, die er zu bearbeiten hatte.

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1982 ist die 18-jährige Lolita verschwunden. Ihr Schicksal blieb lange ungeklärt.  

Auch ihm war 2011, als er den Fall zur ZDF-Sendung Aktenzeichen XY brachte, bewusst, dass dies wohl die letzte Chance zur Aufklärung war. Im Gespräch mit Fleiter berichtet er von seinem Plan, mit der Sendung aufrütteln zu wollen. Und wie die Kameraführung auf sein Gesicht sein sollte, damit sein eindringlicher Appell wirkt, dass Lolitas fast 80-jährige Mutter endlich wissen wolle, was ihrer Tochter zugestoßen ist. Der Satz sollte ins Herz treffen – und er traf.

Der lange Weg zu Lolita Briegers Leichnam

Unter den mehr als 100 Hinweisen war auch der auf jenen Mann, der geholfen haben soll, Lolita Briegers Leiche auf der Müllkippe zu entsorgen. Spannend ist hier zu erfahren, wie Schu den Mann, der bis dahin eisern geschwiegen hatte, in der Vernehmung knacken konnte.

Anhören und zuschauen

Podcast und Buch

„29 Jahre ungelöst: Der Fall Lolita Brieger“ ist der Podcast überschrieben. Er ist die 84. Folge in Philipp Fleiters Reihe „Verbrechen von nebenan“. Die Folge ist am Montag erschienen und bei Audionow zu hören, ab der kommenden Woche auch auf allen anderen gängigen Streamingportalen. Auf Sky ist eine TV-Adaption des Podcasts zu sehen, das Sachbuch „Verbrechen von nebenan“ ist 2021 erscheinen.

Live im Stadttheater

Im Euskirchener Stadttheater ist Fleiter am Samstag, 24. September, um 20 Uhr zu Gast. Tickets gibt’s unter Tel. 02405/ 40860 oder online

Dann werde er sicherlich auch auf den Fall Lolita Brieger eingehen. Allerdings werden die Podcast-Fans im Stadttheater keine Eins-zu-Eins-Version des Audioformats auf der Bühne erwarten dürfen. Die Liveshows, darauf weist Fleiter hin, unterscheiden sich von den Podcasts. Vor allem sei ihm wichtig, dass die Menschen nicht nach Hause gehen und sagen, dass die Welt ein schlechter Ort sei. Auch wenn er einige gruselige Fälle mitbringe, dürfe in der Show, die auch interaktive Elemente beinhalte, auch gerne gelacht werden. Vielleicht, so Fleiter, werde es für manchen lustiger als gedacht. (rha) 

Im Podcast führt dies zur Suche nach Lolita Briegers Leichnam auf der längst stillgelegten und bewaldeten Müllkippe in Sichtweite ihres Elternhauses. Zehn Tage wurde das Areal auf links gedreht, an Tag elf und mit der sprichwörtlich letzten Baggerschaufel wurde die in eine Silofolie eingepackte Leiche gefunden – just zu dem Zeitpunkt, als Schu mit dem Staatsanwalt telefonierte, um ihm das erfolglose Ende der Suche mitzuteilen. „Wäre das ein Drehbuch gewesen, das hätte keiner genommen – viel zu unglaubwürdig“, sagt Fleiter, der den Fall im Podcast neben dem Gespräch mit Schu vor allem durch viele Stunden Recherche zum Leben erweckt. In einem gut dokumentierten Fall wie diesem sei es aus seiner Sicht nicht notwendig gewesen, Kontakt zu Lolitas Schwestern aufzunehmen und sie in die Öffentlichkeit zu ziehen.

Der Podcast ist auch eine Familiengeschichte

Dennoch ist der Podcast auch eine Familiengeschichte: Die der aus Schlesien stammenden, alles andere als begüterten Familie Brieger, die der reichen Bauernfamilie, aus der Lolitas Freund stammt – und die der unglücklichen Liebe. Schu schildert, wie er Lolitas Mutter versprochen hat, alles ihm Mögliche zu tun, um das Schicksal der Tochter aufzuklären. Wie „aufgenommen“ er sich bei seinen zahlreichen Besuchen in der Familie gefühlt, immer einen Platz am Küchentisch gehabt habe. Und wie es ihm bei dem bewegenden Augenblick kalt den Rücken runtergelaufen sei, als er der Familie mitgeteilt habe, dass Lolita gefunden sei. „Sie haben sie uns zurückgebracht“, habe die Mutter, die 2016 verstorben ist, gesagt.

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Schu, der bis heute Kontakt zur Familie pflegt, weiß, dass Lolitas Schicksal sie nach wie vor bewegt. Das Urteil empfinden die Geschwister als Ohrfeige – und der damalige Freund lebt immer noch in der Nachbarschaft. Und auch Podcaster Fleiter sieht den Fall, der auch ihn „mitgenommen“ habe, nicht als ganz abgeschlossen an: „Der Fall Lolita hat viel mehr Opfer: Die Mutter, die Geschwister – das wird sich möglicherweise über Generationen ziehen, wenn Kinder in Lolitas Alter sind.“

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