Wir werfen einen Blick auf die oberbergische Einwanderungsgeschichte – zehn Jahre nach „Wir schaffen das“ und Silvester in Köln.
HistorieEin Blick auf 80 Jahre Migration nach Oberberg

Ankunft in Waldbröl-Eichen:In den 1980er und 90er Jahren kamen viele Russlanddeutsche nach Oberberg.
Copyright: Heimatbildarchiv OBK
Die „Stadtbild“-Aussage des Bundeskanzlers war ein neuerer Anlass. Danach der Jahrestag der Kölner Silvesternacht. Flucht und Migration sorgen immer wieder für kontroverse Debatten. Vor mehr als zehn Jahren wollte Angela Merkel mit ihrer Aussage „Wir schaffen das“ die Sorge vor dem damaligen Zustrom an Geflüchteten dämpfen. Heute kann man sagen, dass zumindest Oberberg es tatsächlich geschafft hat, diese Leute aufzunehmen, wenn auch nicht ohne Mühe.
Und das ist eigentlich kein Wunder, wenn man sieht, dass Zuwanderung seit 1945 der Normalfall für die Region ist und teils in großen Wellen geschah. Daran erinnerte der Oberbergische Kreis bereits 2008 in einer aufschlussreichen Wanderausstellung unter dem Titel „Ankommen“. Der dazugehörige Katalog dokumentiert, wie Oberberg sich immer wieder als Einwanderungslandkreis bewähren musste. Der Kreis habe sich „zu einer von Einwanderern wesentlich mitgeprägten Region entwickelt“, schreibt der damalige Kulturdezernent Werner Krüger im Vorwort, „mit allen Chancen, aber auch mit vielen Problemen“.
Migranten schafften es im Oberbergischen in allerhöchste Ämter
Migranten schafften es hierzulande in allerhöchste Ämter. Ein prominentes Beispiel ist Krügers damaliger Chef Hagen Jobi, der Oberberg im Landtag vertrat, bevor er an die Spitze der Kreisverwaltung gelangte. Seine Eltern stammen aus Siebenbürgen in Rumänien und durchlebten im Nachkriegsdeutschland eine wahre Odyssee. Jobi kam in Sachsen-Anhalt zur Welt.
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Oder Friedrich Wilhelm Goldenbogen: Geboren im pommerschen Demmin amtierte er von 1946 an für 33 Jahre als Oberkreisdirektor. In seinem Beitrag für den „Ankommen“-Ausstellungskatalog zitiert Volker Dick den Zuwanderer Goldenbogen mit der Aussage: „Ich bin davon ausgegangen, dass ich mich als Fremder der Landschaft und ihren Menschen anpassen muss. Ich konnte also nicht das Ziel haben, aus den Oberbergern Pommern zu machen.“ Er habe darum versucht, sich in die Menschen hineinzudenken.

Die Vertriebenen aus dem Osten wohnten in einfachen Baracken. Hier 1951 am Gummersbacher Hexenbusch.
Copyright: Kreisbildstelle OBK
Auch Einwanderer, die vom Selbstverständnis her Deutsche waren, wurden als fremd wahrgenommen, erst recht, weil damals mit der Zuwanderung ein Verteilungskampf einherging, den man sich heute kaum vorstellen kann: Bis zum 1. Mai 1950, berichtet Volker Dick, kamen fast 22.100 Vertriebene in den Oberbergischen Kreis. Die Einwohnerzahl wuchs im Vergleich zum Vorkriegsstand um 50 Prozent. Der Anteil der Menschen aus Schlesien, Pommern und Ostpreußen betrug 1952 in Oberberg mehr als 19 Prozent, der höchste Wert im nördlichen Rheinland.
Die Kreisverwaltung erließ 1948 strenge Vorschriften zur Nutzung des Wohnraums, schreibt Dick. „Angesichts der Zwangsbewirtschaftung verwandelte sich bei manchen Einheimischen das anfängliche Mitleid in Ablehnung gegenüber den Vertriebenen, die als Fremde mit anderer Mentalität einen schweren Stand hatten.“ Ingrid Hackel, die aus dem Sudetenland stammt und es 1947 nach Gummersbach-Mühlenseßmar verschlagen hatte, berichtet im Beitrag von Birgit Behrendt für den „Ankommen“-Katalog: „Wir wurden von der einheimischen Bevölkerung oft als Eindringlinge wahrgenommen und fühlten uns wie Bittsteller.“
Die Kommunen und neue Wohnungsbaugesellschaften sorgten zwar mit einem gewaltigen Bauprogramm für neuen Wohnraum. Die finanzielle Hilfe für die Vertriebenen sorgte auch für Neid, berichtet Dick. Und doch kam man sich näher: Nahezu ein Viertel der Ehen wurde 1951 zwischen Einheimischen und Vertriebenen geschlossen, war damals im Kreisblatt zu lesen.
Wir wurden von der einheimischen Bevölkerung oft als Eindringlinge wahrgenommen und fühlten uns wie Bittsteller.
In den 1950er Jahren folgten tausende Flüchtlinge aus der DDR. Bis zum Bau der Mauer 1961 nahm der Kreis rund 7000 Menschen auf. Dennoch gab es Arbeitskräftemangel, etwa in den oberbergischen Steinbrüchen. So wurden ausländische Arbeiter angeworben. 1956 kamen die ersten italienischen Männer. Die Steinbrüche und Industriebetriebe knüpften damit an die Arbeitsmigration an, die bereits Anfang des 20. Jahrhunderts viele Italiener nach Oberberg geführt hatte. Deren Urenkeln merkt man diese Wurzeln heute nur noch am Nachnamen an.
Ausländer waren dennoch in den 1950er Jahren in Oberberg echte Exoten: Seit Kriegsende waren gerade mal 370 Menschen zugezogen. 1957 registrierte das Ausländeramt einen einzigen Türken, ist im „Ankommen“-Katalog zu lesen. Doch die Zahl der „Gastarbeiter“ stieg zügig an. 1971 hatte bereits 6,7 Prozent der oberbergischen Bevölkerung keine deutsche Staatsangehörigkeit. Immer mehr Arbeiter holten ihre Familien nach, um dauerhaft zu bleiben.
Der Zuzug der Siebenbürger Sachsen ist ein oberbergisches Phänomen
Ein speziell oberbergisches Phänomen ist der Zuzug der Siebenbürger Sachsen. Mitte der 60er Jahre entstand in Drabenderhöhe die größte Siedlung dieser Volksgruppe außerhalb Rumäniens. Als 2006 das 40-jährige Bestehen der Siedlung gefeiert wurde, lebten allein in Drabenderhöhe rund 3500 Siebenbürger Sachsen und ihre Nachkommen. Dazu kamen im übrigen Kreis einige Tausend weitere. Die Integration dieser Menschen, die zwar deutschsprachig waren, aber einen sperrigen Dialekt pflegten und immerhin mehr als 800 Jahre lang außerhalb des deutschsprachigen Territoriums ihre Kultur entwickelt hatten, gilt als Erfolgsgeschichte, für die auch der oben erwähnte Landrat Jobi steht.
Zugleich tritt Mitte der 1960er Jahre immer öfter Fremdenfeindlichkeit zutage. Hintergrund war die damalige Wirtschaftskrise. Bei der Bundestagswahl 1969 kam die NPD in Nümbrecht auf 6,2 Prozent. Auch die in den 1970er Jahren deutschstämmigen Aussiedler aus den Ländern des Ostblocks waren nicht überall wohlgelitten. Deren Zahl stieg in Oberberg Ende der 1980er Jahre rapide an, 1990 wurde der Höhepunkt mit 5000 Neubürgern erreicht. 1996 beziffert man die Gesamtzahl der in Oberberg lebenden Aussiedler mit 20.000 und erreicht eine Dimension, die Volker Dick in seinem Aufsatz mit dem Zuzug der Vertriebenen nach dem Krieg vergleicht. Dazu kamen in den 80er Jahren immer mehr Asylsuchende.
Es gehört zu den Widersprüchen des Zugehörigkeitsgefühls, dass viele dieser Neubürger bald fremdenfeindlich wurden. Rechtsextreme Parteien waren bereits Ende der 1990er Jahre gerade in den Stadtteilen von Gummersbach, Bergneustadt und Waldbröl besonders erfolgreich, wo viele Russlanddeutsche leben. Dieses Phänomen wiederholte sich mit dem Erfolg der AfD bei den jüngsten Wahlen.
Dieser Ablehnung stand schon immer eine aktive Zuzugspolitik aus wirtschaftlichen Erwägungen und eine humanitäre Willkommenskultur gegenüber. Doch erst im neuen Jahrtausend setzte sich die Erkenntnis durch, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist und wegen der demografischen Entwicklung auch sein muss. Ohne Zuwanderer wird es nicht gehen. Aber auch nicht ohne erfolgreiche Integration.
Interview mit der Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums
Sarah Krämer ist Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums (KI) des Oberbergischen Kreises. Reiner Thies sprach mit ihr über ihre Arbeit und die Herausforderungen.

Sarah Krämer ist Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums (KI) des Oberbergischen Kreises.
Copyright: Sarah Krämer
Hatte Bundeskanzlerin Merkel im oberbergischen Rückblick Recht mit ihrer Aussage „Wir schaffen das?“
Sarah Krämer: Im Oberbergischen Kreis gibt es ein hohes Engagement in Hinblick auf Integration und Zuwanderung – in den Ämtern und Behörden, bei der freien Wohlfahrtspflege, in Vereinen und Unternehmen. Aus Sicht des KI war die Zusammenarbeit aller Akteure immer gewinnbringend für den Strukturaufbau im Oberbergischen Kreis sowie die Reduzierung von Reibungsverlusten. So unterstützte der Kreis die Kommunen während der „Flüchtlingswelle“ 2015 bei der Unterbringung von Geflüchteten sowie deren medizinischer Versorgung und stellte Mittel für Dolmetscherinnen und Dolmetscher zur Verfügung. Diese Netzwerke sind bis heute vorhanden und tragfähig und konnten angepasst werden.
Wie gut ist die Integration der Menschen gelungen, die in den vergangenen zehn Jahren nach Oberberg gekommen sind?
Mittlerweile haben 34 Prozent der oberbergischen Bürgerinnen und Bürger eine Einwanderungsgeschichte. Knapp 60 Prozent der Bevölkerung ohne deutsche Staatsangehörigkeit haben ein langfristiges Aufenthaltsrecht. Die Zahlen zeigen, dass eine Vielzahl der zugewanderten Menschen langfristig in Deutschland bleiben und aktive Mitglieder der deutschen Gesellschaft werden möchten. 71 Prozent der Menschen mit Einwanderungsgeschichte gehen einer Erwerbstätigkeit nach. Integration umfasst aber alle Lebensbereiche. Die Erfahrungen haben gezeigt, dass sich systembedingte Integrationshürden nur schwer abbauen lassen. Um diesen langfristig zu begegnen, hat die NRW-Landesregierung das Kommunale Integrationsmanagement ins Leben gerufen.
Welche besonderen Herausforderungen gab es und gibt es heute in Oberberg bei der Integration von Geflüchteten?
Aufgrund der Flächenausdehnung des Oberbergischen Kreises stellt Mobilität eine spezifische Herausforderung dar. So lassen sich zum Beispiel der Arbeitsplatz, die Kinderbetreuung oder der Integrationskurs mit öffentlichem Personennahverkehr oft nur schwer erreichen.
Wie viel ist von der Willkommenskultur übrig geblieben? Wie groß ist heute noch das Engagement in den lokalen Flüchtlingshilfen?
Viele Flüchtlingsinitiativen mussten zwischenzeitlich ihre Räumlichkeiten aus finanziellen Gründen aufgeben. Gleichzeitig sinken die Zuwanderungszahlen, und die Aufgaben in der ehrenamtlichen Arbeit haben sich gewandelt. Wo früher Spendensammeln und Wohnungssuche im Fokus standen, sind heute komplexere Themen wie berufliche Qualifizierung, die Vermittlung in Arbeit oder der Ausbau von Sprachkenntnissen Thema. Viele der Personen, die vor zehn Jahren kamen, sind heute selbst ehrenamtlich tätig und engagieren sich in Initiativen. Das Ehrenamt freut sich auch weiterhin über Menschen, die sich aktiv einbringen wollen.
Einwanderungsgeschichte: Aktuelle Zahlen aus Oberberg
Jeder dritte Oberberger hatte 2023 eine Einwanderungsgeschichte. Der Wert von 34 Prozent liegt leicht über dem Landesdurchschnitt von 32 Prozent. Aus der Statistik des Statistischen Landesamts IT.NRW ist aber zudem abzulesen, dass demgegenüber die Zahl der hier ansässigen Menschen ohne deutschen Pass mit 12 Prozent unter dem Landesschnitt von 16 Prozent rangiert.
Die größte Volksgruppe der nichtdeutschen Bevölkerung sind Türken (15 Prozent), Ukrainer (12 Prozent) und Rumänen (10 Prozent). Knapp 60 Prozent von diesen haben ein langfristiges Aufenthaltsrecht. Bei den neu Eingebürgerten lagen die Syrer vorn mit 37 Prozent und mit einem großen Abstand zu Irakern und Türken (beide rund 9 Prozent).
Der Anteil der Menschen (im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 65 Jahren), die einer Arbeit nachgehen, liegt bei der Bevölkerung mit Einwanderungsgeschichte bei 71 Prozent. Bei der Bevölkerung ohne Einwanderungsgeschichte sind es mehr, nämlich 80 Prozent.

