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„Dieses Riesenloch“Wie Bewohner in Erftstadt die Flutkatastrophe erleben

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eingestürztes Haus Erftstadt

Ein eingestürztes Haus in Erftstadt-Blessem 

An der Stelle, an der die Welt zu enden scheint, riecht es nach Benzin und Erde. Braun und ölig ergießt sich Wasser von der Radmacher Straße in Blessem, einem Teil von Erftstadt, in einen riesigen Schlund. Die Straße: einfach abgebrochen. Die Häuser: zum Teil eingestürzt. Eine weiße Gardine wiegt noch im Wind, fast bis zu Hälfte ist sie braungefärbt. Ein stummes Zeugnis dramatischer Stunden, in denen die Flut durch Blessem schwappte.

Das Unwetter im Westen und Südwesten von Deutschland hat in den vergangenen Tagen viele dramatische Bilder hervorgebracht. Nur wenige aber sind so eindrücklich wie die Luftaufnahmen aus Erftstadt-Blessem, in dem ein Erdrutsch Häuser und Wege wegspülte. Sie wirken wie von einem Katastrophenfilmer aus Hollywood erdacht – nur, dass nicht eine amerikanische Metropole zu sehen ist. Sondern ein Ort unweit von Köln, in dem normalerweise Kartoffeln angebaut werden und Pferde in Ställen schnauben.

Noch immer ist die Lage extrem unübersichtlich

Nur wenige Schritte entfernt von der Abbruchkante steht Karl Berger vor seinem Geburtshaus. Er ringt um Fassung. „Dieses Riesenloch“, sagt er, dann kippt die Stimme. Er kenne viele Menschen, die dort lebten. Bis zum Freitagmittag war unklar, wie viele Opfer es gab. Die Lage war extrem unübersichtlich.

Einsturz Häuser Erftstadt

Ein Drohnen-Aufnahme zeigt das Ausmaß der Zerstörung nach dem Unwetter.

„So hoch war das Wasser noch nie gewesen“, sagt Berger, während immer noch braune Brühe aus dem Hof hinter ihm schwappt und seine Trekkingsandalen umspült. Am Donnerstag sei die Erft – eigentlich „ein juter Fluss“ – stetig angeschwollen. „Dann kam das Wasser innerhalb von kurze Zeit“, sagt Berger, Vorsitzender eines örtlichen Bürgerforums. „Und dann lief der Ort schon über die Gärten voll.“

An den Hauswänden ist noch zu sehen, bis wohin die Welle schwappte. Bis auf Augenhöhe klebt der Dreck an den Mauern. In den 60er Jahren habe es schon mal Hochwasser gegeben, sagt Berger, selbst Jahrgang 1956. Aber nicht so eins. Der Ort verlebte bis 2021 ganz gute Jahrzehnte. Nun ist die Bundeswehr da, auf der Straße liegen Geröll und mitgerissene Habseligkeiten. Fast überall ist Benzin im Wasser.

A 1 stürzte teilweise in die Erft

Am Ort führt die Autobahn 1 vorbei, eine Lebensader der Bundesrepublik. Direkt daneben verläuft die Erft. Auch hier ereignet sich Dramatisches. Stück um Stück frisst sich der Fluss am Freitag in das Land, unterspült Wiesen und Wege am Ufer. Irgendwann gibt auch die Autobahn nach und rutscht zum Teil und mit lautem Krach in die Flut.

Lastwagen Erftstadt

Lastwagen stehen auf der überfluteten Bundesstraße 265 im Wasser.

„Ich bin 25 Jahre alt, ich kannte so etwas nur aus dem Fernsehen“, sagt Patrick Hüster. Er wohnt in einem anderen Teil von Erftstadt – aber da hielt er es nicht mehr aus. Er musste es sich selbst ansehen. Am Abend zuvor ist in seinem Haus der Keller vollgelaufen. Mit drei Telefonen habe man sechs Stunden lang versucht, die Feuerwehr zu erreichen, bis jemand an der Strippe war. Nichts ging mehr. Klar, er habe vorher Unwetter-Videos auf Instagram gesehen, sagt Hüster. „Aber da dachte ich: Ach, das ist so viele Kilometer entfernt.“

überflutetes Gebiet mit Radfahrer Erftstadt

Ein Mann unterwegs im überfluteten Stadtteil Blessem

Noch ist die Lage in angespannt. Die Dämme müssen halten. Und dann muss aufgeräumt werden. Karl Berger erzählt, dass einem Teich weiter hinten einst mal gut 20 Koi-Karpfen von „stattlicher Länge“ schwammen. Bis das viele Wasser kam. „Da haben wir jetzt fünf Stück wieder gefunden.“ Irgendwo muss man ja jetzt wieder anfangen.

In Sinzig sterben Bewohner eines Seniorenheims

Die Helfer finden in den braunen Fluten auch immer wieder Tote und bergen sie. In Sinzig etwa können sich zwölf Bewohner einer Einrichtung für behinderte Menschen am Donnerstag nicht mehr retten und sterben. „Das Wasser drang innerhalb einer Minute bis an die Decke des Erdgeschosses“, sagt der Geschäftsführer des Landesverbands der Lebenshilfe Rheinland-Pfalz, Matthias Mandos. Die Nachtwache habe es noch geschafft, mehrere Bewohner in den ersten Stock des an der Ahr gelegenen Wohnheims zu bringen. „Als er die nächsten holen wollte, kam er schon zu spät.“

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Tausende Helfer sind in beiden Ländern unterwegs. In Nordrhein-Westfalen etwa unterstützten Soldaten Rettung und Bergung mit 495 Männern und Frauen in elf Landkreisen und Städten. Das Technische Hilfswerk (THW) hat in beiden Bundesländern insgesamt 2065 Helfer im Einsatz. Sie retten Menschen, evakuieren Gebäude und verteilen Sandsäcke. Immerhin sanken in einigen Orten die Pegelstände. (dpa)