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Interview mit transidentem Kölner„Allein schon die Regenbogenfahnen in Köln überall tun unheimlich gut“

Lesezeit 7 Minuten
Robin Luth steht weiter im Handball-Tor — früher bei den Frauen, jetzt bei den Männern.

Robin Luth steht weiter im Handball-Tor — früher bei den Frauen, jetzt bei den Männern.

Robin Luth lebte 21 Jahre als Mädchen und Frau, bis er sich als transident erkannte und outete Mit Bernd Imgrund sprach er auch über seine große Leidenschaft: den Handball-Sport

Kurze Haare, tiefe Stimme, — ein freundlicher junger Mann in Sportklamotten. Über seinen Wandel vom Mädchen zum Mann wird er sehr offen reden − aber einige Fragen sind tabu.

Sie sind Handballtorwart. Dafür muss man ziemlich bekloppt sein, oder?

Allerdings, ein normaler Mensch würde den Job nicht machen. Bei meinem ersten Herrenspiel habe ich direkt zwei Bälle ins Gesicht bekommen und dachte: Willst du das wirklich? Aber ich will, auf jeden Fall!

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Die EM findet dieses Jahr in Deutschland statt. Werden wir Europameister?

Wir haben gute Chancen, zumal viele neue Spieler nachgewachsen sind − Juri Knorr zum Beispiel. Ich als Torwart verehre natürlich auch den sehr erfahrenen Andreas Wolf, und David Späth gehört die Zukunft.

Die Jungs können beide Spagats. Sie auch?

(lacht) Nicht ganz, dafür habe ich wohl nicht die richtigen Sehnen.

Sie haben bis 2022 Frauenhandball gespielt. Was ist bei den Männern jenseits der härteren Würfe anders?

Zum Beispiel das Foul-Verhalten. Männer schreien sich an und schubsen sich, Frauen arbeiten mehr mit versteckten Fouls. Die pitschen zum Beispiel am Kreis von hinten in den Oberarm, bis der manchmal grün und blau ist.

Ihr Verein HSG Kastellaun-Simmern habe toll auf Ihr Coming-out reagiert, sagen Sie.

Alle haben direkt angenommen, dass ich nun einen anderen Vornamen habe. Im diesjährigen Saisonheft haben sie den Artikel über mich aus der F.A.S. abgedruckt, also man ist da richtig stolz auf mich.

„Transsexuell“ oder „transident“: Welches Wort gefällt Ihnen besser?

Ich bevorzuge „transident“, weil es da keinen sexuellen Unterton gibt.

Wie haben Sie gemerkt, dass Sie kein Mädchen sind?

Ich habe es immer irgendwie geahnt, mir aber bis 2020 keinen echten Kopf drum gemacht. Einer meiner Brüder hat gern mit Puppen gespielt, ich lieber mit Traktoren. Dem habe ich immer gesagt, wir müssten eigentlich die Gehirne tauschen.

Sie sind mal aus einer Mädchentoilette geworfen worden.

Ich war in der 5. Klasse und trug kurze Haare. Da kamen ein paar Mädels und motzten, ich sei hier falsch. Irgendwann war´s mir zu doof, und ich bin in einem anderen Trakt auf die Toilette gegangen.

2020 kam Corona.

Genau, und ich hatte plötzlich viel Zeit, mir über mich Gedanken zu machen. Als mir klar war, dass ich so nicht weitermachen konnte, bin ich erstmal sehr tief gefallen. Ich saß depressiv zuhause, unfähig, mich aufzuraffen. Als man wieder Sport machen durfte, bin ich wie manisch fünf Tage die Woche zum Training gegangen − zum Damentraining.

Sie haben sich schließlich Ihrer besten Freundin anvertraut.

Ich habe ihr unter Tränen erzählt, dass ich transident und jetzt „Robin“ bin. Sie hat das total locker genommen und mir direkt einen Screenshot von ihrem Telefonbuch geschickt, wo über meiner Telefonnummer nun „Robin“ stand.

Haben Sie sich manchmal als Lügner oder Betrüger gefühlt?

Wenn, dann nur mir selbst gegenüber. Weil ich das Offensichtliche so lange verdrängt hatte.

Es gibt diese seltsame Formulierung, jemand sei „im falschen Körper geboren“.

Die finde ich auch eigenartig, weil es ja so oder so mein Körper ist − der im übrigen Krasses geleistet hat in den bisherigen 24 Jahren. Er passte nicht zu meinem „Ich“, aber zum Glück ist es heute medizinisch möglich, ihn anzupassen.

Am schwierigsten stelle ich mir das Outing gegenüber den Eltern vor.

Ich habe so eine Grußkarte für Geburten gekauft: „Es ist ein Junge!“ Und innen habe ich meinen Eltern geschrieben, wie es mit mir aussieht. Fand ich sehr lustig.

Und Ihre Eltern haben kurz ein Tässchen Kaffee getrunken und ihr Kind fortan Robin genannt?

Ein bisschen länger hat es schon gedauert, schließlich war ich 21 Jahre lang ihre Tochter. Im Hunsrück kennt jeder jeden. Ich musste im Bekanntenkreis Bescheid sagen, in der OGS, im Verein und in dem Supermarkt, wo ich gejobbt habe − das musste alles koordiniert werden.

Sie durchlaufen eine Hormonbehandlung. Was bedeutet das?

Ich bekomme alle drei Monate eine Spritze mit einem Testosteronpräparat. Das ist ein Wunderzeug, ich weiß gar nicht, wie das genau funktioniert.

Tut das weh?

Das wird in den Gesäßmuskel gespritzt. Weil es ziemlich zähflüssig ist, dauert das gut drei Minuten. Also: Ja, das tut ganz schön weh.

Was merkt man als Erstes?

Am Anfang hatte ich unglaublichen Hunger. Ich habe drei Teller Nudeln gegessen und hatte wenige Stunden später schon wieder Kohldampf. Aber das legt sich mit der Zeit.

Gibt es Glücksmomente? Das erste Barthaar oder Ähnliches?

Früher wurde ich an der Kasse manchmal als „junger Mann“ angesprochen, aber aufgrund meiner Stimme dann als Frau identifiziert. Heute hört man mir den Mann an der Stimme an und erkennt mich auch als solcher. Das freut mich sehr.

Verläuft die Umwandlung in Schüben?

Der Prozess ist eher schleichend, vor allem für einen selbst. Aber wer mich ein paar Monate nicht gesehen hat, ist immer sehr erstaunt über meine Veränderungen: die Stimme, breitere Schultern und so weiter.

Hatten Sie je Zweifel an dem Wandel?

Nein, nie. Selbst auf der Liege, mit der Testosteronspritze im Hintern, weiß ich zu hundert Prozent, dass ich das Richtige tue.

Was halten Sie von der Frage, ob Sie auf Männer oder Frauen stehen?

Das ist Quatsch, weil sie nichts mit der Geschlechtsidentität zu tun hat. Es gibt schwule, bi- und heterosexuelle trans Männer, genau wie bei cis Männern.

Warum wollen Sie Ihren Geburts-Vornamen nicht mehr nennen?

Weil ich mich damit nicht mehr identifiziere. Wenn ich den höre, ist er mir fremd. Zum anderen können transphobe Menschen einen damit mobben, ich sehe nicht ein, warum ich denen diese Chance geben sollte.

Kriegen Sie miese Kommentare in sozialen Netzwerken?

Ich lebe da in meiner kleinen Bubble, ohne viele Follower. Da passiert nicht viel, auch nichts Böses.

Welche Fragen finden Sie noch indezent?

„Wie sieht es bei dir im Schritt aus?“ (lacht) So etwas beantworte ich nicht. Der Grundsatz sollte sein: Frag den trans Menschen nichts, was du nicht auch den cis Menschen fragen würdest.

Sie sind angehender Grundschullehrer. Sehen Sie Probleme auf sich zukommen?

Ich habe mich an der Grundschule im Hunsrück geoutet, an der ich in der OGS gearbeitet habe. Da gab es Eltern, die Bedenken geäußert haben. Aber die Schule stand hinter mir. So etwas kann natürlich auch in Zukunft passieren, aber das ist eigentlich nicht mein Problem, sondern das der jeweiligen Eltern.

Beim derzeitigen Lehrermangel nehmen die Schulen sowieso jeden.

(lacht) Genau, die wären ja verrückt, auf mich zu verzichten.

Ich habe auch mal in einer OGS gearbeitet. Sind Kinder nicht total nervig?

Och, man muss die halt beschäftigen. Ich war im Hunsrück sechs Jahre Handballtrainer und hatte dabei immer viel Spaß.

Fehlt Ihnen der Hunsrück? Das ist doch diese raue Gegend jenseits der Mosel, in der die Winter sechs Monate dauern.

Genau. (lacht) Mir fehlt das Familiäre. Daheim gehe ich keine zehn Meter, ohne einen Bekannten zu treffen. Aber die Kölner sind kontaktfreudiger. Ich arbeite ja auch hier im Nebenjob als Kassierer − in Köln wird man häufiger angesprochen.

Inwiefern ist Köln eine gute Stadt für queere Menschen?

Allein schon die Regenbogenfahnen überall tun unheimlich gut. Und es ist toll, dass es einen Verein wie den SC Janus gibt. Da kann man sein, wie man will, niemand sieht einen schief an. Großartig war auch, als wir mit dem Team das erste Mal auf der Schaafenstraße feiern waren.

Die Handballsaison macht Winterpause. Wo stehen Sie mit Ihrem Team?

Wir sind nach der Hinserie Zweiter der 1. Kreisklasse, das würde reichen, um aufzusteigen. Wäre natürlich toll. Ich persönlich bin einfach nur froh, dass ich auch als trans Mann weiter Handball spielen kann.


Glossar

Queer

Queer wird als Sammelbegriff für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen verwendet.

LGBT

LGBT steht für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender (lesbisch, schwul, bisexuell und transgender).

Trans

Trans ist ein Überbegriff für Personen, die sich nicht mit dem bei der Geburt eingetragenen Geschlecht identifizieren. Beispiel: Eine Person, der bei der Geburt der Personenstand „weiblich“ eingetragen wurde, die sich jedoch als männlich identifiziert, ist ein trans Mann. Die trans Community empfiehlt, „trans“ als ungebeugtes Adjektiv zu benutzen.

Transident

Der Begriff wurde als Alternative zu „transsexuell“ eingeführt, um zu betonen, dass es um Geschlechtsidentität und nicht um Sexualität geht.

Nicht-binär

Nicht-binär ist ein Überbegriff für Personen, die sich nicht oder nicht ausschließlich als männlich oder weiblich identifizieren.

Intergeschlechtlich

Intergeschlechtliche Personen (früher auch „intersexuelle“ genannt) weisen Variationen in der körperlichen Geschlechtsentwicklung auf. Sie haben also körperliche Geschlechtsmerkmale, die nicht ausschließlich männlich oder weiblich sind.

Cis

Menschen, die sich mit dem bei der Geburt eingetragenem Geschlecht identifizieren, werden als cis Frauen bzw. cis Männer bezeichnet.

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