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NSU-MahnmalStadt prüft Kauf des Areals in Mülheim

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Ein Modell der Betonplatte des geplanten Mahnmals im Maßstab 1 zu 10, die  2019 im Museum Ludwig ausgestellt wurde.

  1. Das Tauziehen um das private Grundstück an der Keupstraße geht weiter.
  2. Ein Investor steht bereits parat.
  3. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Köln – Mehr als 16 Jahre nach dem rassistisch motivierten Nagelbomben-Anschlag auf der Keupstraße in Mülheim ist das geplante Mahnmal noch immer in weiter Ferne. Wie berichtet, möchten Anwohner und Initiativen, dass an der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße ein Gedenkort entsteht.

Doch das Grundstück ist in Privatbesitz, die Eigentümer wollen dort bauen. Zwar erklärte OB Henriette Reker im Juni, es sei Bewegung in das Thema gekommen. Doch passiert ist seitdem wenig. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Worum geht es?

Am 9. Juni 2004 explodierte vor einem Friseursalon in der Keupstraße 29 eine mit rund 800 Zimmermannsnägeln gespickte, ferngezündete Bombe. Sie verletzte 22 Menschen, vier davon schwer. Lange ging die Polizei von einem kriminellen Hintergrund aus. Erst 2011 wurde die Tat der rechtsradikalen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) zugerechnet. 2014 wurde beim Festival „Birlikte“ an die Opfer erinnert. Der Stadtrat beschloss auf Vorschlag des Integrationsrats, ein Mahnmal zu errichten.

Wie soll das Mahnmal aussehen?

Auf Beschluss des Rats fand ein Wettbewerb statt, zehn Künstler gaben Entwürfe ab. Eine Jury kürte im November 2016 einstimmig das Konzept des Berliner Künstlers Ulf Aminde. Er will auf der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße eine 30 Zentimeter hohe und 24 mal sechs Meter große Betonplatte gießen lassen – ein Abbild des Fundaments des Hauses, vor dem der Sprengsatz detonierte.

Hinzu kommt eine virtuelle Ebene. Über freies WLAN sollen Besucher am Gedenkort die Möglichkeit haben, auf ihren Smartphones oder Tablets Videos zum Thema anzusehen – zum Beispiel Interviews mit Anwohner der Keupstraße, die über ihre Erfahrungen und Alltagsrassismus sprechen. Dieses „virtuelle Haus“ ist als Projekt gedacht, das stetig weiter ausgebaut werden kann.

Warum wird es trotz Ratsbeschluss nicht gebaut?

Die Stadt habe das Denkmal auf einer Fläche geplant, die ihr nicht gehört, betont Bernd Odenthal, Sprecher der Grundstückseigentümer. Man sei nicht gegen ein Denkmal. Aber an der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße sei dafür kein Platz .

Dort wolle man mit Investoren ein Gebäude bauen. So sieht es auch das Ergebnis der städtebaulichen Werkstattplanung vor, das im April 2016 veröffentlicht wurde – ein halbes Jahr vor der Jury-Entscheidung für Amindes Entwurf (vgl. Grafik).

Gibt es Alternativen?

Die Eigentümer haben angeboten, an anderer Stelle ein Mahnmal zu verwirklichen – zum Beispiel in dem geplanten Boulevard, der als Diagonale zwischen zwei Gebäudeblöcken von der Keupstraße zur Schanzenstraße führen soll. Doch der Künstler und die Interessengemeinschaft (IG) Keupstraße lehnen das ab. Beide betonen: Das Denkmal funktioniere nur an der Ecke Keupstraße/Schanzenstraße, in unmittelbarer Nähe zum Anschlagsort. Man wünsche sich dort einen Platz, an dem sich Menschen begegnen können und miteinander ins Gespräch kommen, so die IG-Vorsitzende Meral Şahin.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Şahin hofft, dass die Stadt das Areal kauft und auf dem Eckgrundstück einen „Birlikte“-Platz samt Mahnmal verwirklicht. Auch die Initiative „Herkesin Meydani – Platz für alle“, in der sich Befürworter der Idee zusammengeschlossen haben, fordert, dass die Stadt ihr Vorkaufsrecht ausübt. OB Reker hatte das im Juni gegenüber Şahin in Aussicht gestellt. Das sei ein „großes Versprechen“ gewesen, so Şahin. „Seitdem habe ich von Frau Reker nichts mehr gehört.“

Will die Stadt das Areal kaufen?

Dazu seien „die verwaltungsinternen Abstimmungen noch nicht abgeschlossen“, teilte ein Stadtsprecher auf Anfrage mit. „Sicher ist: Die Stadt wird den Umstand, dass das Grundstück anscheinend zum Verkauf angeboten wird, wohlwollend prüfen.“ Seit Oktober 2019 läuft ein Bieterverfahren für das Areal. Laut Odenthal werden dabei primär Investoren gesucht, die dort bauen wollen.

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Ob das Gelände verkauft wird, ließ er offen. Mülheims Bezirksbürgermeister Norbert Fuchs (SPD) erklärte: „Es gibt einen Kaufinteressenten, der zugesagt hat, dass es ein Mahnmal geben wird.“ OB Reker hatte im April per Dringlichkeitsentscheidung auf dem Areal den Bedarf für eine Schule feststellen lassen wollen, manche sahen darin den Versuch, den Druck auf die Eigentümer zu erhöhen. Fuchs hatte die Dringlichkeit abgelehnt: In Mülheim werde kein weiteres Gymnasium gebraucht, das sehe der Schulentwicklungsplan gar nicht vor. Danach verschwand die Vorlage.