Köln – Auf dem Wochenmarkt an St. Aposteln wird Andreas Kossiski am Dienstag dieser Woche gleich mit einem Kompliment empfangen. „In Natur sehen Sie viel besser aus als auf den Plakaten“, meint eine ältere Dame, als sich der Oberbürgermeister-Kandidat der SPD vorstellt. Der 62-Jährige bedankt sich und ist sofort im Gespräch mit Passanten. Topthema sind fehlende Briefwahlunterlagen, man habe nichts bekommen, klagen einige.
„Das höre ich heute schon die ganze Zeit. Was ist da in der Stadtverwaltung los?“, sorgt sich Kossiski. „Gehen Sie wählen. Wir brauchen jede Stimme“, sagt er mit Blick auf die Stichwahl um das Oberbürgermeisteramt am 27. September.
Zwischen frischem Gemüse und italienischen Delikatessen ist der Sozialdemokrat auf klassischer Wahlkampftour unterwegs – zu Fuß, von Angesicht zu Angesicht. Das macht er schon seit Monaten, mehr als 300 Treffen mit Bürgern in der ganzen Stadt hat er hinter sich.
Ein Sieg wäre eine Sensation
Kossiski ist weiter gekommen, als mancher ihm zugetraut hat, auch in der eigenen Partei. Das Erreichen der Stichwahl ist für ihn schon ein Erfolg – erst recht, nachdem eine Umfrage Henriette Reker Anfang September mit 61 Prozent meilenweit vorne sah. Jochen Ott, sein Vorgänger als OB-Kandidat der SPD, hatte 2015 im ersten Wahlgang gegen Reker verloren, obwohl er ein besseres Ergebnis erzielte als Kossiski.
„Eine Chance hat man immer“, sagte Kossiski, als ihm die Umfrage ein schnelles Aus prognostizierte. Er hat sie genutzt, jetzt geht es für ihn ums Ganze. Der Polizeibeamte und Berufspolitiker könnte vor dem größten Sprung seiner Karriere stehen, ein Sieg wäre eine Sensation. Das hat neue Kräfte freigesetzt. Jetzt will er noch mal alles mobilisieren, mit der zweiten Luft als Erster über die Ziellinie kommen. Daher legt er im Wahlkampf noch eine SchIppe drauf. Täglich stehen fünf, sechs Termine auf seiner Agenda.
Wunsch nach Veränderung ist groß
Wer auf der Straße spontan mit ihm reden will, für den nimmt er sich Zeit, hört geduldig zu, stellt Fragen. Auch bei Themen, die mit Kommunalpolitik nichts zu tun haben, wie den Wunsch eines Herren, den „aufgeblähten Bundestag“ zu verkleinern. „Wir wollen erst mal Köln in Ordnung bringen“, wirft Kossiski ein. „Sind Sie Kölner?“, will eine Frau von ihm wissen.
Er sei in Schleswig-Holstein geboren, aber seine Familie stamme aus dem Rheinland und er lebe seit 20 Jahren in Köln, klärt der Landtagsabgeordnete und frühere Kölner DGB-Chef auf. Einige pflichten ihm bei: Ein neuer OB müsse her, in Köln laufe zu viel schief. Andere lehnen die SPD-Broschüre dankend ab. „Wir wählen Reker.“ Ein halbes Dutzend Märkte und Plätze klappert Kossiski an diesem Tag ab. Sein Fazit: „Der Wunsch nach Veränderung ist groß. Viele wollen den Wechsel. Ich stehe für den notwendigen Neuanfang.“
Viele Pläne für die Zukunft
Vier Tage vor dem Wochenmarkt-Besuch sitzt der SPD-Kandidat im Bürgerzentrum Ehrenfeld und stellt sein Sofortprogramm vor. Falls er die Stichwahl gewinnt, will er in den ersten 100 Tagen im Amt eine Fülle von Dingen umsetzen oder zumindest auf den Weg bringen. Kossiski redet schnell und fast ohne Pause, rund eine halbe Stunde lang. Die Kitagebühren will er abschaffen, auf 100 Dächern städtischer Gebäude Solaranlagen installieren, dafür sorgen, dass mehr Wohnungen gebaut werden. Er verspricht, er werde das Leben der Menschen binnen 100 Tagen „spürbar verbessern“.
Es sind große Worte. Die Liste seiner Pläne ist lang. Was sich davon tatsächlich wird realisieren lassen bis zum 8. Februar 2021 – 100 Tage nach Beginn der Amtszeit am 1. November – bleibt vage. Auch zur Finanzierung der Pläne sagt Kossiski nicht viel, erst recht nicht, mit wem er sie im Stadtrat durchsetzen will. Egal, darum geht es jetzt nicht. Er ist noch da, er ist noch im Rennen. Die Botschaft, die er vermitteln will, liegt jenseits von Zahlen, Allianzen und Terminen.
Nie frontal attackiert
Sie lautet: Hier ist einer, der sich kümmert. Der zuhört und Probleme anpackt, der durchsetzungsstark ist und die Initiative ergreift. Kossiski will sich als tatkräftiges Gegenmodell zur Amtsinhaberin präsentieren, ohne sie direkt anzugreifen. Im Wahlkampf hat er Henriette Reker nie frontal attackiert, nur mal gesagt, er wolle sie „in den wohlverdienten Ruhestand“ schicken. Doch er wird nicht müde zu betonen, dass Köln „fünf Jahre Stillstand“ hinter sich habe, den er auflösen wolle.
Mag man im Reker-Lager seine Versprechungen auch als Wahlkampfrhetorik abtun: Die Nervosität ist dort seit dem 13. September spürbar gestiegen. Die Sorge, dass Kossiski die OB auf den letzten Metern überholen könnte, trotz des großen Vorsprungs von 18 Prozentpunkten, den Reker im ersten Durchgang erzielte, ist da. „Ein Selbstläufer wird das nicht“, sagt jemand aus ihrem Unterstützerkreis.

Prominente Wahlkampf-Unterstützung aus Berlin erhielt Kossiski (r.) von Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz (l.), mit dem er sich in Kalk über das Thema Wohnungsbau austauschte
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Wie holprig Kossiskis Start ausfiel, scheint längst vergessen. Seine Partei nominiert ihn im Februar mit nur 71,3 Prozent der Stimmen, nachdem Mitbewerber Mike Homann das Verfahren der SPD-Spitze zur Kür des OB-Kandidaten als intransparent kritisiert und seine Kandidatur erst in letzter Minute zurückgezogen hat. Es ist ein maues Ergebnis. Dann kommt der Corona-Lockdown. Kossiski ist ans Haus gefesselt, geplante Besuche in den Veedeln fallen erst mal flach.
Er setzt verstärkt auf Podcasts und Videos in sozialen Medien, ab Mitte Mai darf er wieder „auf Streife“ gehen. Das dient freilich nicht nur dazu zu erfahren, „wo der Schuh drückt“ und welche Themen den Menschen am Herzen liegen, wie er selbst sagt. Es geht auch schlicht darum, einen Kandidaten bekannt zu machen, der vielen Kölnern bis dahin kein Begriff ist.

Bei einer Lesung von Armutsforscher Christoph Butterwegge (M.), diskutierte Kossiski (l.) mit SPD-Bundeschef Norbert Walter-Borjans (2.v.r.) und Kölns SPD-Chefin Christiane Jäger.
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Kossiski geht mit Fleiß an die Aufgabe. Er läuft durch zig Viertel, trifft Persönlichkeiten wie Leichtathletin Ulrike Meyfarth oder Armutsforscher Christoph Butterwegge. Er holt sich prominente Genossen aus Berlin und probiert neue Formate aus. Mit den Jusos zieht er freitagabends durch den Grüngürtel, spricht junge Leute an. „Geht zur Wahl“, schärft er ihnen ein. „Wir haben fast 50 Prozent Nichtwähler in Köln, das ist der Hammer.“ Manche winken ab, andere lassen sich auf eine Debatte ein. „Cool, dass der einfach mal hier auftaucht“, meint ein junger Mann.
Mit seinem niedrigschwelligen Ansatz hat Kossiski auch in Rekers Team einen Nerv getroffen. Man werde jetzt „Klinken putzen“, heißt es dort am Montag nach der Wahl. Flugs werden für die OB Gespräche mit Bürgern organisiert, auch sie legt ein Sofortprogramm vor. Ob er Reker am Ende übertrumpfen kann, ist offen.
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Bisher hat keine der Parteien im Stadtrat eine Wahlempfehlung für Kossiski ausgesprochen. Sollte er verlieren, könnte er als Spitzenkandidat Anspruch auf den Fraktionsvorsitz im Rat erheben, auch wenn mancher in der SPD das für eher unwahrscheinlich hält.
Zur Wahrheit gehört auch: Nach der OB-Stichwahl muss die SPD ihr schlechtes Ergebnis bei der Ratswahl aufarbeiten – ob mit oder ohne Kossiski.



