- Seit Kriegsbeginn in der Ukraine hat Köln etwa 5000 Geflüchtete aufgenommen.
- Jens Meifert und Thorsten Moeck sprachen mit Henriette Reker über die Verteilung der Geflüchteten und ihren Kontakt zu Vitali Klitschko.
Haben Sie das Gefühl, den Menschen in der Stadt ist die Dimension der Herausforderung schon bewusst, wenn es um die Aufnahme und Integration von Geflüchteten aus der Ukraine geht?
Ich denke schon. Die Kölnerinnen und Kölner nehmen Realitäten an und versuchen sich nicht gegen etwas zu wehren, was ohnehin nicht zu ändern ist. In anderen Städten sieht das anders aus. Hier in Köln wird versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Und: Zu Beginn der Ankunft der Geflüchteten hätten wir das Ankommen ohne das Engagement der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer nicht meistern können. Sie haben uns gerettet, das muss man so sagen.
War die Stadt überfordert?
Viele Kommunen waren überfordert. Ich denke, dass die Dimension dann doch überrascht hat. Von heute auf morgen hat sich die Lage zugespitzt.
Wie schafft es die Stadt derzeit, den Flüchtlingsstrom zu bewerkstelligen?
In Köln leben insgesamt 5800 Geflüchtete aus unterschiedlichen Ländern in städtischen Unterkünften. Zusätzlich haben wir bislang 3591 Geflüchtete aus der Ukraine untergebracht. Darüber hinaus sind viele Menschen, die von dort zu uns gekommen sind, privat untergebracht. Von einigen wissen wir noch gar nicht. Vermutlich haben sich noch nicht alle erfassen lassen, um Sozialleistungen erhalten zu können. Wir gehen davon aus, dass 1500 bis 1800 Menschen privat aufgenommen worden sind.
Die Stadt hat die Messehallen 3 und 4 für die Erstaufnahme angemietet, hinzu kommen Leichtbauhallen am Südstadion und 1900 Hotelbetten. Welche Strategie verfolgen Sie längerfristig?
Wir wollen die Messehalle 3 so lange wie möglich nutzen, aber irgendwann wird dort auch wieder Messebetrieb stattfinden, spätestens im Juni. Ab Mitte April wird ein Gelände am Südstadion für Unterbringungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Auch dabei handelt es sich ebenfalls nicht um dauerhafte Unterkünfte, sondern um einen Ort für die Erstversorgung. Wir akquirieren viele Wohngebäude, aber leider kann uns niemand eine Zahl nennen, mit wie vielen Menschen wir rechnen sollen. Eine solche Zahl fordere ich ein, denn auf irgendein Szenario müssen wir uns ja einstellen. Aber weder das Land noch der Bund kann uns da helfen. Wenn es keine Fakten gibt, muss man sich eben gemeinsam auf Schätzungen verständigen.
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Womit rechnen Sie?
Wir rechnen mit mehr als 10 000 Menschen, die zu uns kommen. Die kommen aber in Wellenbewegungen. Derzeit kommen etwa 150 bis 200 Menschen pro Tag bei uns an. Es gab auch schon Tage mit 500 Ankömmlingen.
Zu welchem Zeitpunkt müssten denn wieder Sporthallen belegt werden?
Aus der Erfahrung von 2015 heraus haben wir uns inzwischen anders aufgestellt. Ohne die Erfahrung von damals wäre beispielsweise die Aufnahmeeinrichtung am Südstadion gar nicht möglich gewesen und auch nicht so schnell entstanden. Ich denke, die Entwicklung wird Hand in Hand gehen – die Menschen kommen zu uns und wir generieren Hotelkapazitäten. Derzeit sind 1054 Menschen in Hotels untergebracht worden, vor allem solche, denen aus gesundheitlichen Gründen eine andere Unterbringung schwer zugemutet werden könnte.
Aus der Messehalle findet auch eine Verteilung von Geflüchteten ins Umland statt. Funktioniert dieses System?
Die Bundesinnenministerin hat gesagt, der Königsteiner Schlüssel werde angewendet. Aber momentan funktioniert er nicht. Denn viele Menschen kommen nach Köln, weil sie die Stadt kennen, das ist eine nachvollziehbare Entscheidung. Aber die Verteilung muss besser gesteuert werden, denn wir wollen ja, dass die Menschen medizinisch versorgt werden können, dass die Kinder in die Schule gehen können und dass sie hier Arbeit finden. Der Aufwand hierfür ist groß. Es geht ja kein Kind einfach so in die nächstbeste Schule, sondern vorher findet eine Beratung im kommunalen Integrationszentrum statt. Normalerweise finden dort 35 Beratungen pro Woche statt, jetzt sind es in etwa 190.
Wo wird denn mehr Personal benötigt?
Bei der Stadt vor allem im Sozialamt, denn dort werden Leistungen gewährt. Wenn die Menschen über einen längeren Zeitraum hierbleiben möchten, helfen ihnen natürlich die Aufnahme in die Krankenversicherung und die Vermittlung eines Arbeitsplatzes mehr. Was ich nicht möchte, ist eine nicht begründete Zwei-Klassen-Gesellschaft der Geflüchteten, nämlich die einen, die kostenlos den Zoo besuchen dürfen, und die anderen, die das nicht dürfen.
Was könnte zu einer Entlastung der Stadt führen? Was wünschen Sie sich?
Ich wünsche mir, dass die Gastfreundschaft der Kölnerinnen und Kölner anhält, die Geflüchtete auch privat unterzubringen. Und ich würde mir wünschen, dass wir viele gut brauchbare Unterkünfte finden. Dass die Kinder schnell die Schulen besuchen können. Es gibt schon große Firmen, die Arbeitsangebote für Geflüchtete gemacht haben. Die administrativen Prozesse bei Bund und Land dauern mir zu lange. Wir können uns das nicht leisten, denn wir müssen die Menschen versorgen. Und natürlich muss der Bund die Kosten dieser gesamtgesellschaftlichen Aufgabe übernehmen.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie die Bilder aus der Ukraine sehen oder mit Vitali Klitschko kommunizieren?
Das macht mir schwer zu schaffen. Ich finde es zudem unerträglich, die Dauer dieses Krieges nicht einschätzen zu können. Deshalb hoffe ich, dass die Hilfsbereitschaft bestehen bleibt. Das Schlimmste wäre, dass sich die Kinder, die hier ankommen, irgendwann einmal an ihre Väter nicht mehr erinnern können, weil die im Krieg gefallen sind. Der Kontakt zu Vitali Klitschko ist anrührend. Als ich seine Mail mit einer Liste von benötigten Hilfsgütern gelesen habe, dachte ich, das ist gar nicht zu schaffen. Aber dann wurde die Hilfsbereitschaft überbordend, da war ich wahnsinnig stolz drauf.




