Unterricht mit FlüchtlingskindernEin Spagat zwischen Sprache und Schule

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Flüchtlingskinder in NRWsollen die deutsche Sprache lernen und sich integrieren.

Köln – Buchstabe für Buchstabe suchen sie in den Plättchen, setzen ihren Namen zusammen. Und ihren ersten Satz in Deutsch: „Ich bin Mehrad“, „Ich bin Dudije“. Dann folgt ein „Ich komme aus...“.

Das Mercator-Institut für Sprachförderung als Zweitsprache an der Universität zu Köln wurde 2012 gegründet, um die Bildungschancen von Kindern und

Jugendlichen mit Sprachförderbedarf zu verbessern. Es wird durch die Stiftung Mercator gefördert.

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Das Mercator-Institut fördert bundesweit Forschungs- und

Entwicklungsprojekte an 26 Hochschulen. Zudem führt es eigene Forschungsprojekte durch, aber auch Nachwuchsförderung und Qualifizierung sowie Kooperationen und Beratung gehören zu den Aufgaben. Speziell für das Thema zugewanderte Kinder und Jugendliche in der Schule haben sich das Mercator-Institut und das Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln zu einer Kooperation zusammen geschlossen.

Die Kinder, die hier im Unterrichtsraum in der Notunterkunft in der Herkulesstraße zusammensitzen, sind zwischen sechs und 18 Jahre alt. Sie kommen aus dem Kosovo, Syrien, Afghanistan. Manche haben gerade eine furchtbare Flucht hinter sich, kamen ohne ihre Eltern als „Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“ über tausende Kilometer nach Köln. Andere leben schon seit mehr als einem Jahr in der Notunterkunft, in einem Zwischenstadion, darauf wartend, ob sie bleiben dürfen oder eben nicht.

Manche von ihnen standen in ihrer Heimat kurz vor dem Abitur, andere haben bisher keinerlei Ausbildung bekommen können. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen, schreiben teilweise eine andere Schrift. Sie alle haben eines gemein: Sie wollen Deutsch lernen, in die Schule gehen, eine Perspektive haben.

Kritischer Blick für Alltagsrassismus

Zwei Stunden in der Woche kommen 26 Lehramtsstudierende der Universität zu Köln in die Notunterkunft, um immer zu zweit jeweils acht Kinder zu unterrichten. Aus zwölf Unterrichtseinheiten besteht ihr Programm. Das Lehrmaterial haben sie größtenteils selbst entwickelt, die zur Verfügung stehenden Räume mit Plakaten, Bildern und Smileys zum Gefühle ausdrücken selbst gestaltet. Im April 2014 startete das Projekt. Konzeptioniert wird es von Mona Massumi, Koordinatorin für Diversity am Zentrum für LehrerInnenbildung. Sie bereitet die Studierenden, die im Rahmen des außerschulischen Berufsfeldpraktikums dieses Seminar wählten, für den Einsatz in der Notunterkunft vor.

„Die meisten haben keine Erfahrungen mit Neuzugewanderten und Flüchtlingen“, weiß sie. Gemeinsam mit einer Kinder- und Jugendpsychotherapeutin bereitet sie sich auf die besondere Aufgabe vor. Die Zusammensetzung der Gruppe kann sich ständig ändern, manchmal sind Kinder einfach weg, niemand weiß, ob sie wieder zurück in die verlassene Heimat mussten. Viele Kinder und Jugendliche sind traumatisiert. Das ist die eine Seite der Herausforderungen. Die andere Seite ist die Heterogenität der Gruppen sowie das fehlende Material. „Die Studierenden lernen hier genauso viel wie die Kinder“, hat Mona Massumi in den drei bisherigen Semestern festgestellt. „Sie entwickeln eine feine Sensibilität für die Flüchtlingsproblematik, bekommen einen kritischeren Blick für Alltagsrassismus. Sie werden auf die Schule der Zukunft vorbereitet“, sagt Massumi.

Über die Hälfte ist älter als 15 Jahre

In der Schule der Gegenwart unterrichtet Zeynep Sali. Seit vier Jahren ist die 29-Jährige im Schuldienst, seit zwei Jahren lehrt sie an der Heinrich-Schieffer-Hauptschule in Dellbrück. Seit eineinhalb Jahren unterrichtet sie dort in den Vorbereitungsklassen zugewanderte Schüler, um sie auf den Regelunterricht vorzubereiten. „Es ist ein Spagat zwischen erstem Spracherwerb und der eigentlichen Schulausbildung oder der Berufsbildung“, sagt sie. Mehr als die Hälfte der Schüler – in der Regel sind je 18 in einer Klasse, die von zwei Lehrenden betreut wird – sind älter als 15 Jahre. Darunter sind Schüler und Schülerinnen, die aus Italien mit ihren Eltern nach Deutschland kamen, viele aus Bulgarien, Rumänien. Sinti und Roma aus dem Kosovo, Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan, verschiedenen Krisengebieten.

Im Schuljahr 2014/15 gab es bis April dieses Jahres rund 1200 Neuzuweisungen von zugewanderten Kindern ohne Deutschkenntnisse an Grundschulen und Schulen der Sekundarstufe I, so die aktuellsten Zahlen des Kommunalen Integrationsamtes. Meist werden sie zunächst in extra eingerichteten Seiteneinsteigerklassen unterrichtet, um ihnen dann so schnell wie möglich die Teilhabe am allgemeinen schulischen und gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.

Es gibt kein einheitliches Konzept

„Es ist für mich persönlich eine riesige Herausforderung, aber auch für die Schule und das ganze System. Es gibt kein einheitliches Konzept, alles steckt noch in den Kinderschuhen“, weiß Sali aus der Praxis.

Seit 2009 gehört das außerschulische Berufsfeldpraktikum zum Studium für angehende Lehrer und Lehrerinnen. Zeynep Sali wurde in ihrem Studium noch nicht darauf vorbereitet. Sie qualifizierte sich selbstständig für den Zweitsprachenerwerb, kann Zertifikate des Goethe-Instituts vorweisen.

Maximal zwei Jahre besuchen die Kinder die Vorbereitungsklassen. „Viele wollen aber schnell in die Regelklassen, sie haben eine große Motivation“, sagt Sali. Und Mona Massumi betont: „Wir bieten einen Zugang zur Bildung, einen ersten Schritt. Aber es ist keine Alternative zu einem richtigen Schulplatz.“

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