„Faul sein ist wunderschön!“Bernd Imgrund spricht über Burn-Out, Scheitern und James Dean

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Eines der beiden Zweifinger-Faultiere, Wilma und Fred, hängt mit dem Kopf nach unten an einem Ast in seinem Gehege im Heidelberger Zoo und schaut dabei neugierig dem Fotografen in die Kamera. (Symbolbild)

Der Autor Bernd Imgrund beobachtete für sein Buch„Faul! Vom Nutzen des Nichtstuns“Faultiere imNeuwieder Zoo. (Symbolbild)

In Imgrunds neuem Buch geht es um den Nutzen des Nichtstuns, die Fallstricke des Fleißes und unkooperative Faultiere im Neuwieder Zoo.

Ihr Buch ist in der Reihe „Die sieben Todsünden“ erschienen – konnten Sie sich eine aussuchen?

Nein. Der Lektor war früher bei Emons tätig und hat mich dazu auserkoren, über die Faulheit zu schreiben. Aber die Völlerei hätte mir sicher auch Spaß gemacht. Weil ich gerne über die Stränge schlage. Bei Bier, bei Chips, bei Schokolade…

Gab es Vorgaben bezüglich Länge und Aufbau?

Die Länge war vorgegeben, grob, der Aufbau war frei. Man sollte halt essayistisch schreiben, das heißt, keine Seminararbeit, sondern frei, mit Anekdoten, Hintergrundinformationen, Reportage-Elementen, Zitaten. Klar war, dass am Anfang ein historischer Abriss stehen würde. Faulheit ist ein Thema, das so alt ist wie die Menschheit. Mir war es wichtig, dass das gut lesbar ist, dass es kein wissenschaftlicher Text wird, sondern etwas, das zu lesen Spaß macht.

Hatten Sie sich schon vorher mit dem Thema beschäftigt?

Ich hatte tatsächlich ein Jahr vorher, für einen anderen Verlag, eine ,Kleine Geschichte des Scheiterns’ geschrieben. Und es existieren durchaus Überschneidungen von Scheitern und Faulheit. Manche scheitern eben aus Faulheitsgründen. Aber natürlich muss die Faulheit dann noch mal aus einem anderen Blickwinkel heraus betrachtet werden.

Ohne Faulheit gibt es Burn-Out

Welche Vorteile hat es für mich, faul zu sein?

 Zunächst einmal ist Faulheit lebenswichtig. Fleiß und Faulheit, Arbeit und Nichtstun, das sind zwei Seiten einer Medaille, die untrennbar miteinander verbunden sind. Das kann jeder feststellen, wenn er vier Stunden durcharbeitet und dann eben eine Pause machen muss. Es gibt Untersuchungen bei Chirurgen, denen hat man gesagt: ,Ihr macht jetzt mal 30 Sekunden Pause', während der OP, und was dabei herauskam, war: sie waren genauso schnell fertig und die OP war qualitativ mindestens genauso gut, wenn nicht besser.

Abgesehen davon macht es auch Spaß, mal nichts zu tun. Mark Twain hat gesagt: ,Verschiebe nicht auf morgen, was du auch auf übermorgen verschieben kannst.’ Wer sich Faulheit nicht erlaubt, der wird zur Faulheit gezwungen. Und zwar in Form eines Burnouts. Ausgerechnet die, die allzu fleißig, allzu manisch arbeiten, arbeiten dann plötzlich gar nicht mehr, weil sie zusammenbrechen. Da prallen dann Faulheit und Fleiß, Arbeit und Nichtstun in einem dramatischen Moment aufeinander.

Und was sind die Nachteile des Faulseins?

(lacht) Langweilig wäre jetzt zu sagen: ,Dass man in der Zeit kein Geld verdient’. Aber um bei den verschiedenen Aspekten zu bleiben: Das Gegenteil vom Burnout ist der Boreout (Anm. d. Red: von englisch boring, langweilig). Ein gutes Beispiel dafür ist der Leonce aus Büchners ,Leonce und Lena’ oder der Oblomow, der Titelheld eines meiner Lieblingsbücher von Gontscharow. Menschen, die superintelligent sind, sehr sensibel in der Erfassung ihrer Umwelt, ihrer Mitmenschen, die aber aus lauter Überdruss und Langeweile in den totalen Müßiggang verfallen, die der Welt nicht mehr, auf irgendeine Art, begegnen können.

Aber so wie Oblomow nur noch im Bett zu bleiben, muss man sich auch erlauben können…

Das ist ganz klar. Leonce und Oblomow sind beides Adlige, die auf Kosten von anderen in einer Klassengesellschaft leben. Die Arbeit ist in der Bibel die Strafe für den Sündenfall, damit fängt’s ja an. Und auch in der Antike war Arbeit verpönt. Im Altgriechischen heißt Arbeit ,douleia’, und ,doulos’ war das Wort für Sklave. Arbeit zu verfluchen ist nur möglich in einer Gesellschaft, wo die Arbeit einem abgenommen wird. Wie von den Sklaven bei den Griechen oder später von den Bauern, die den Zehnten zahlen mussten.

Einfach auf der Bank im Wald sitzen

Wenn ich von mir behaupten würde, ich sei ein fauler Mensch, dann bringt mir das keine Sympathien ein, eher im Gegenteil – warum?

Das ist nicht unbedingt wahr, weil von der Norm abzuweichen immer auch Interesse wecken kann. Also eine Variante der Faulheit ist die Lässigkeit, alles etwas langsamer angehen. Oder das Flaneurstum. Die Flaneure, die sich auf der Straße rumtreiben, ohne zu arbeiten, aber natürlich dabei trotzdem arbeiten, weil sie von der Menge aufgesogen werden und dabei gleichzeitig die Menge aussaugen, um daraus zum Beispiel lyrischen Mehrwert zu schaffen.

Baudelaires ,Fleurs du mal', das sind Ergebnisse eines solchen Flanierens. Oder Lässigkeit in Form von Rollen-Modellen wie James Dean, Marlon Brando, Marlene Dietrich… Da kann Faulheit, in der Variante Coolness oder Lässigkeit, dann durchaus attraktiv sein.

Aber ich sollte das nicht unbedingt in einem Vorstellungsgespräch sagen…

(lacht laut) Da käme man dann in diesen ganz aktuellen Diskurs mit Vier-Tage-Woche, wie viele Stunden sollte man am Tag arbeiten? Wie flexibel sollten Arbeitszeiten sein? Work-Life-Balance…. ich hasse dieses Wort. Das hört sich so nach Preis-Leistungs-Verhältnis an, was ich noch schlimmer finde.

Kann man Faulsein lernen?

Ich glaube, man muss Faulsein lernen. Das haben wir eben ja schon angeschnitten: Wer es nicht schafft, Gelassenheit zu entwickeln, wird früher oder später physische oder psychische Probleme haben. Ich kann das jetzt zwar so klugscheißend sagen, aber ich bin davor auch nicht gefeit. Ein Buch über die Faulheit geschrieben zu haben, heißt nicht, mit dem ganzen Komplex besser umgehen zu können. Ich gehöre schon zu den Leuten, die sich stark über ihre Leistung definieren und ich muss immer dagegen ankämpfen, mit mir selber unzufrieden zu sein.

Und vielleicht hat mir die erneute Lektüre von Oblomow und Co ja was gebracht, aber das wird sich vielleicht erst über längere Zeit herauskristallisieren. Ein wunderbarer Aspekt der Faulheit, der nichts kostet, ist die Kontemplation. Auf einer Bank im Wald zu sitzen, der Natur zuzusehen und dabei in so eine Art Trance zu verfallen, das kann ein großes Glücksgefühl sein.

Kein Faultier im Kölner Zoo

Sie haben für Ihr Buch auch ein Faultierpärchen im Neuwieder Zoo besucht. Gab es im Kölner Zoo keine Faultiere?

Nee. Die hatten keine. Die haben behauptet, sie hätten welche bestellt, in den Dortmunder Zoo durfte ich nicht rein, wegen Corona. Da bin ich in den Neuwieder Zoo gefahren, ein ganz kleinen Zoo, aber mit einem ganz modernen Tropenhaus, wo die Faultiere ein wunderbares Gehege haben, was sie aber nicht nutzen, weil sie lieber in sechs Metern Höhe unterm Dach auf Kabelträgern liegen. Und da die nachtaktiv sind, was ich vorher nicht wusste, habe ich von denen in sechs Stunden nicht viel gesehen – außer einem herabhängenden Arm.

Bernd Imgrund: Faul! Vom Nutzen des Nichtstuns. Hirzel, 110 S., 18 Euro. Am 16. April, 18 Uhr, stellt Bernd Imgrund sein Buch in der Gaststätte Durst, Weidengasse 87, vor. Der Eintritt ist frei.


Der AutorBernd Imgrund wurde am 27. Mai 1964 in Köln geboren. Der mit Kölsch getaufte ehemalige Messdiener und totale Kriegsdienstverweigerer studierte Germanistik, Philosophie und Politik. Er war fünf Jahre Politik-Redakteur bei der StadtRevue, seine Porträt-Serie „Imgrund im Gespräch“ erscheint seit über 15 Jahren in der Kölnischen Rundschau. Der Journalist und Autor hat mehr als 35 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Reiseliteratur und Sachbücher. Hobbies: Tischtennis, Skat und Motorradfahren. Bernd Imgrund lebt in Köln, ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

Der Journalist und Buchautor Bernd Imgrund in Köln.

Der Journalist und Buchautor Bernd Imgrund in Köln.

Das BuchAuf vergnügliche Art spannt der Autor den Rahmen von der Antike bis heute. Mit vielen Beispielen erläutert er, warum Faulheit Kunst ist, warum sie Leben rettet, aber auch töten kann. Und warum sie, ganz aktuell, unsere Arbeitswelt revolutioniert. Philosophen, Politiker und Psychologen, Soziologen, Mediziner und andere Wissenschaftler legen Zeugnis vom Faszinosum Faulheit ab. Auch in Büchern, Filmen und Songs begegnet man den Bequemen, Phlegmatischen und Lässigen. Und möchte am Ende mit Pippi Langstrumpf singen: „Faul sein ist wunderschön!“ (sus)

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