Er will es wissen: Der Kölner SPD-Politiker Jochen Ott wird Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bei der NRW-Landtagswahl 2025 herausfordern. Im Rundschau-Interview erklärt er, auf welche Themen er dabei setzt.
Designierter SPD-SpitzenkandidatWie wollen Sie sich gegen Hendrik Wüst durchsetzen, Herr Ott?

Jochen Ott, SPD-Fraktionschef in NRW und designierter Spitzenkandidat seiner Partei bei der Landtagswahl 2027.
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Der Vorstand der NRW-SPD hat Sie vor zwei Wochen als Spitzenkandidaten für die Landtagswahl nominiert. Gewählt wird erst im Frühjahr 2027. Wie halten Sie diese lange Strecke durch?
Ja, das ist eine lange Strecke, man muss die Kräfte einteilen und braucht auch Ruhephasen. Es geht aber auch darum, Bekanntheit aufzubauen. Deshalb hat die NRWSPD bereits im vergangenen Jahr entschieden, früh mit einem Spitzenkandidaten rauszugehen.
Bevor Sie nominiert wurden, haben Arbeitsministerin Bärbel Bas und der Duisburger OB Sören Link abgesagt. Wie wollen Sie den Eindruck vermeiden, dritte Wahl zu sein?
NRW ist nicht mehr gerecht. Das Bildungswesen ist nicht mehr in Ordnung. Familien leiden jeden Tag unter enormem Stress, weil NRW für sie nicht mehr funktioniert. Und auch bei Wirtschaft, Wohnen, Pflege oder Verkehrsinfrastruktur sackt unser Bundesland in vielen Ländervergleichen ab. Wir wollen darüber bei der Landtagswahl sprechen, weil die SPD einen Plan für den Aufstieg hat. Wir haben deshalb früh entschieden, einen Landespolitiker gegen Hendrik Wüst aufzustellen. Wir werden unser Bundesland wieder gerecht machen - und ich freue mich, dass ich das als Spitzenkandidat auch mit den notwendigen Emotionen verbinden kann.
Jetzt müssen Sie eine Aufholjagd starten.
In der letzten WDR-Umfrage haben wir vier Punkte Plus gemacht. Die Richtung stimmt.
Aber es bleibt eine Lücke von 15 Prozentpunkten zur CDU. Ein paar Zeitungen haben geschrieben: Mission impossible.
Mission Impossible gefällt mir gut, denn Ethan Hunt gewinnt am Ende immer. Landespolitische Umfragen sind bis etwa zwölf Wochen vor einer Landtagswahl stark von der Bundespolitik geprägt. Je näher der Wahltermin kommt, desto mehr stehen dann auch die landespolitischen Fragestellungen im Vordergrund. Bei der letzten Landtagswahl in Rheinland-Pfalz hat sich die Stimmung in den letzten Wochen zugunsten der SPD gedreht, nachdem sie lange Zeit hinter der CDU zurücklag. Ich bin zuversichtlich, dass es auch diesmal so kommt und sich die gute sozialdemokratische Regierungsarbeit von Alexander Schweitzer und seinem Team auszahlt. In NRW haben wir uns bei der Kommunalwahl zum Schluss auch stabilisiert.
Aber Sie können mit der Kommunalwahl doch nicht richtig zufrieden sein.
Teils, teils. Im Kreis Euskirchen haben wir den Landratsposten mit einer Zweidrittelmehrheit verteidigt. In Köln haben wir den OB-Posten zurückgewonnen. Köln hatte immer ein bisschen Modellcharakter für das Land. Norbert Walter-Borjans wurde hier mit Mehrheit gegen die CDU zum Wirtschaftsdezernenten gewählt, Jürgen Roters 2009 zum Oberbürgermeister. Danach hat Rot-Grün im Land Schwarz-Gelb abgelöst. In Köln wurde Schwarz-Grün probiert, ehe man es im Land machte. Jetzt hatten die Kölner genug von Schwarz-Grün. Das ist doch ein guter Vorbote für die Landtagswahl.
Torsten Burmesters Wahl als erstes Signal für eine Wende im Land?
Sie bringen es auf den Punkt.
Wende zu Schwarz-Rot? Oder Rot-Schwarz?
Wir werden sehen, was möglich wird. Aber was mich motiviert: In den letzten Umfragen wird immer deutlicher, dass es den Menschen um Gerechtigkeit geht. Da bewegt sich was. Das zeigt die bundesweite Debatte um die Erbschaftsteuer. Die Angriffe von Konservativen auf die Teilzeit oder die Zahnbehandlungen. Auch in NRW merken immer mehr Menschen, dass es hier nicht gerecht zugeht. Zum Beispiel bei der geplanten Kita-Reform. Die Wählerinnen und Wähler denken nicht mehr in festen Parteikategorien, sondern fragen sich, wer die besten Lösungsvorschläge für die aktuellen Probleme hat. Und unser Motto lautet: NRW, jetzt erst gerecht.
Sie sagten eben: Themen mit Emotionen verbinden. Wie soll das gehen?
Es geht darum, die Themen aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Schauen Sie: Im vergangenen Jahr war jede zweite Kita in NRW ganz oder teilweise von Schließungen betroffen. Und dann spricht der Wirtschaftsflügel der CDU von Lifestyle-Teilzeit? Das geht doch völlig an der Lebensrealität von Familien vorbei. Wir stehen da fest an ihrer Seite. Und wir stehen auch an der Seite der Kita-Fachkräfte, denen das Land sagt, es müsse an der Qualität in der frühkindlichen Bildung sparen. Gleichzeitig wendet es aber 110 Millionen Euro für Busfahrten auf, um Kinder in ABC-Klassen zu befördern statt die Förderung in der Kita zu finanzieren. Oder denken Sie an Familien, die keine Wohnung finden. Wir sprechen die Probleme an, machen Lösungsvorschläge und wagen Veränderungen.
Aber Sie müssen auch glaubwürdig etwas versprechen können. Erzieherinnen fehlen, aber auch Sie können die nicht einfach backen.
Können wir nicht, aber ich finde es sehr bescheiden, wenn die Schulministerin zu dem Thema nur sagt, dass das Familienministerium es nicht hinbekommt. Die Schnittstelle zwischen beiden funktioniert nicht, das ist das Problem. Es muss ein gemeinsames Ministerium für Kitas und Schulen geben. Rund sechs Prozent der Kinder müssen in NRW die erste Klasse der Grundschule wiederholen. 30 Prozent können am Ende der vierten Klasse nicht richtig rechnen, lesen oder schreiben. Gleichzeitig mussten die Kommunen bei den Leistungen der Familien- und Jugendhilfe in den letzten Jahren Kostensteigerungen in dreistelliger Millionenhöhe schultern. Und trotzdem wurde es nicht besser, weil es Schwierigkeiten an der Schnittstelle Kita-Schule gibt.
Wir von der SPD wollen nicht alle kleinen Haupt- und Realschulen schließen.
Sie wollen die Zahl der Schulformen reduzieren. Nur noch Gymnasien und Gesamtschulen als weiterführende Schulen. Überzeugt das die Eltern? Wir hatten zum Beispiel in Köln Proteste gegen die geplante Schließung einer Hauptschule.
In Köln wollte man aus der Bildungslandschaft Altstadt-Nord, die alle Schulformen enthält, eine rausnehmen, um Platz für ein Gymnasium zu schaffen. Gut, dass Schulausschuss und Rat das gestoppt haben. Dahinter liegen aber weitere Probleme. Diese Hauptschule startet mit zehn Kindern in der fünften Klasse, und in den höheren Klassen kommen immer mehr dazu, die in anderen Schulformen nicht zurechtkamen. Das kann nicht die dauerhafte Lösung sein. Ebenso wenig kann es richtig sein, dass die Landesregierung Realschulen verpflichtet, Hauptschulgänge anzubieten, dies aber nicht fördert. Wir von der SPD wollen nicht alle kleinen Haupt- und Realschulen schließen. Ich verweise auf Sachsen: Im ländlichen Raum gibt es Schulen, die zu klein sind, um sie zu Gymnasien und Realschulen zu entwickeln. Die bleiben natürlich bestehen. Es geht mir einfach um die bestmögliche Schulbildung. Zeigen Sie mir die Eltern, die mit unserem aktuellen Schulsystem zufrieden sind. Es ist inakzeptabel, wenn 20 Prozent eines Abschlussjahrgangs nicht ausbildungsreif sind.
Sie wollen Kita-Gebühren streichen. Ist das nicht ungerecht? Damit werden auch Spitzenverdiener entlastet.
Ich bin dafür, alle Kinder gleich zu behandeln – und Spitzenverdiener finanzieren das über ihre Steuern gerecht mit. Und eben auch über die Erbschafts- und Vermögensteuer. Wenn wir 700 Millionen mehr aus der Erbschaftsteuer in NRW generieren könnten, dann könnten wir allen jungen Leuten zum 18. Geburtstag ein Grunderbe von 5.000 Euro auszahlen. Als Starthilfe ins Leben.
Sie haben eben gesagt, dass Sie sich auf Themen wie Bildung und Familie konzentrieren wollen. Aber können Sie dem Thema Migration ausweichen? Die AfD profitiert von diesem Thema, wie wollen Sie da Boden gut machen?
Nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in Köln haben wir Gebiete mit vielen AfD-Wählern. Die Leute drücken ihren Protest aus, den muss man erst nehmen und ihnen sagen, dass die AfD gegen ihre Interessen arbeitet. Sie ist gegen den Mindestlohn, agitiert gegen Betriebsräte und Gewerkschaften, lehnt die Ganztagsbetreuung ab, denn die passt nicht in ihr Familienbild. Zur Migration: NRW muss ein offenes Land bleiben, dazu hat sich der SPD-Vorstand klar bekannt. Sie würden in keiner Kölner Klinik mehr versorgt, wenn dort nicht viele Menschen ausländischer Herkunft arbeiten würden. Genauso klar sind wir aber auch, wenn es darum geht, Regeln durchzusetzen. Wer nicht bei uns bleiben darf, zum Beispiel, weil er keinen Asylanspruch hat, muss auch gehen. Wer unsere Hilfsbereitschaft missbraucht, muss Konsequenzen zu spüren bekommen. Der Rechtsstaat darf sich nicht ausnutzen lassen.
Und weitere Themen, über die Bildung hinaus?
Ein weiteres Megathema ist die Pflege, das andere wichtige Familienthema. Wir haben in NRW bundesweit die höchsten Pflegekosten, auch weil die Landesregierung sich nicht ausreichend um die Investitionsförderung der Pflegeheime gekümmert hat. Wir werden Pflegelotsen einführen, die den Menschen helfen, auch ohne Vitamin B die Ansprechpartner zu finden, die ihnen helfen. Wir werden eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft gründen, um die Wohnungsnot zu lindern. Und es geht uns auch um die Zukunft unserer Industrie.
Was wollen Sie tun, um unsere industrielle Basis zu erhalten?
Es ist gut, dass die EU-Kommission den Handel mit CO2-Zertifikaten ausgesetzt hat. Das habe ich im Mai vorgeschlagen und dafür viel Ärger bekommen, vor allem von den Grünen. Dann gab es immer mehr Stimmen dafür, zuletzt auch von der grünen Wirtschaftsministerin Neubaur. Die Balance zwischen ökonomischer, ökologischer und sozialer Verantwortung stimmt nicht mehr, wenn ein Unternehmen wie Ineos in Köln-Worringen am örtlichen Standort immense Zertifikatekosten hat, außerhalb Europas aber nicht. Wenn wie derzeit 86 Prozent des Zertifikatehandels in Europa stattfindet, machen wir unsere Wirtschaft kaputt.
Ich sage, wenn wir unsere Industrie kaputtmachen, haben wir keine Möglichkeit mehr, ökologische Entwicklungen in Zukunft voranzutreiben.
Also sagen Sie: Klimaschutz ja, aber nicht so schnell?
Ich sage, wenn wir unsere Industrie kaputtmachen, haben wir keine Möglichkeit mehr, ökologische Entwicklungen in Zukunft voranzutreiben. Wenn wir das Klima schützen wollen, müssen wir beispielsweise den Zertifikatehandel reformieren. Sonst verfehlt er seine Wirkung – und führt zum Abbau von Millionen Arbeitsplätzen. Wir streben verbindliche Zusagen der Unternehmen für ökologische Investitionen an – im Gegenzug dafür, dass wir ihnen beim Zertifikatehandel Luft verschaffen. Ineos, Evonik, alle sind dazu bereit.
Schluss mit Zielmarken wie einem Kohleausstieg 2030?
Alle Experten sagen, dass 2030 nicht zu halten ist. Das war eine Zielmarke, die Schwarz-Grün unbedingt wollte. Aber die Ersatz-Gaskraftwerke werden dann noch nicht am Netz sein. Wir müssen so schnell wie möglich raus aus der Kohle, ja. Aber das darf nicht zu Versorgungsengpässen oder dem Abbau von Arbeitsplätzen führen.
Gut bezahlte Arbeitsplätze sind auch bei Ford in Köln in Gefahr. Was wollen Sie tun?
Schauen Sie mal auf Bochum. Als damals Opel weggegangen ist, hat Wirtschaftsminister Garrelt Duin von der SPD alle an einen Tisch geholt. Heute arbeiten auf dem Werksgelände mehr Menschen als früher bei Opel. Ich habe die heutige Wirtschaftsministerin Mona Neubaur bisher mit keiner Initiative für Ford wahrgenommen. Ich sehe viel zu wenig Einsatz von der Landesregierung für diesen Riesenstandort, an dem so viele Arbeitsplätze wie möglich erhalten bleiben müssen. Die Landesregierung darf sich nicht wegducken.
Sie haben sich jetzt sehr detailliert über viele Fragen geäußert. Wie bringen Sie das auf die Straße? In der Auseinandersetzung mit einem Ministerpräsidenten, der betont ausgleichend auftritt, während Sie als der detailversessene, aber auch manchmal emotionale Angreifer rüberkommen.
Zur Demokratie gehört, dass man sich nicht persönlich angreift, sondern mit den besseren Konzepten wirbt – und ja, dann wird es auch emotional. Mir ist auch klar, dass ich zuspitzen muss. Sie können nicht in einer einzelnen Schlagzeile ein Gesamtkonzept vorstellen. Wir werden ein 100-Tage-Programm aufstellen und den Leuten vermitteln: Wir haben einen Plan, wir wissen, wie es geht. Und dann müssen die Wählerinnen und Wähler entscheiden, ob sie in NRW eher einen Präsidenten haben wollen oder jemanden, der anpackt und die Dinge geregelt kriegen will.
Können Sie auch etwas Gutes über Ihren Hauptgegner im Wahlkampf sagen?
Ich habe mich sehr gefreut, dass Hendrik Wüst 2024 zu meinem 50. Geburtstag gekommen ist. Die Bäume, die er mir geschenkt hat, habe ich im neuen Wald für Köln gepflanzt. Sie wachsen und gedeihen. Wir gehen vernünftig und respektvoll miteinander um, wir können auch ein Bier zusammen trinken. Das ist mir wichtig.
Letzte Frage: Glauben Sie, dass die Leute in Köln und den anderen beteiligten Städten am 19. April für die Olympia-Bewerbung stimmen?
Olympia ist eine Riesenchance. Da hat Torsten Burmester recht. Ich hoffe auch in Aachen, in Mönchengladbach und im Ruhrgebiet auf hohe Zustimmungswerte. Und den Kölnern müssen wir die Zuversicht vermitteln, dass unsere Stadt das schaffen kann. Ich verstehe nur zu gut, wenn einige da skeptisch sind, bei all den Problemen, die wir vor allem im Verkehr seit Jahren haben. Dass sie Schwierigkeiten haben, sich vorzustellen, wie da der Verkehr ins Olympische Dorf funktionieren soll. Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass so etwas besser klappt. Das habe ich auch Herrn Wüst gesagt. Die Leute müssen bei der Abstimmung spüren: Es ist uns ernst.
