Yasmina Rezas Erfolgsstück „Der Gott des Gemetzels“ feierte Premiere am Theater Bonn. Der Abend im Schauspielhaus lebt von einem bemerkenswerten Ensemble – und irritiert durch plakative Politisierung.
Theater Bonn„Gott des Gemetzels“: Ensemble brilliert, Politisierung irritiert

"Der Gott des Gemetzels" von Yasmina Reza am Theater Bonn
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Es ist ja nun mal so: Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ ist kein verstaubter Schinken, der eine Generalüberholung verlangt. Vielmehr handelt es sich um einen modernen Klassiker, eine bitterböse Komödie über bürgerliche Fassaden und Abgründe, die seit der Uraufführung im Jahr 2006 begeistert hat.
Wenn das Theater Bonn dieses Stück jetzt erneut zur Premiere bringt – 2008 lief es bereits in der Halle Beuel – bringt das gewisse Erwartungen mit sich. Allerdings: Wer am Freitagabend im Schauspielhaus nach dem beklemmenden Kammerspiel aus der Vorlage oder der Polanski-Verfilmung gesucht hat, dürfte enttäuscht worden sein.
Zwar lebt Simon Solbergs Inszenierung von einer bestechenden Choreografie, von Momenten der großen Unterhaltung und einem beachtlichen Ensemble. Doch während das Original eine wohldosierte Giftigkeit präsentiert, greift die Bonner Neuauflage vergleichsweise früh zu grobem Werkzeug: Überzeichnung statt nuancierte Verschiebung, plakative Bildsprache statt Zwischentöne, körperlicher Effekt statt leise Grausamkeit.
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Zwei streitende Elternpaare in „Gott des Gemetzels“
Alles beginnt mit zwei Elternpaaren, die in einer gut situierten Kulisse zusammenkommen. Am großen Tisch begegnen sich Veronika (Julia Kathinka Philippi) und Michael (Timo Kählert), Annette (Lydia Stäubli) und Andreas (Daniel Stock). Bei Espresso und Süßspeise wollen sie einen Streit lösen, den man zivilisiert nennen möchte.
Ihre Söhne haben sich auf der gediegenen Poppelsdorfer Allee geprügelt, einer der beiden verlor zwei Schneidezähne. Nun will man die Sache aus der Welt schaffen. Sie alle heucheln zunächst eine Harmonie vor, die natürlich kaum Bestand haben kann. Bald schon ziehen Veronika und Michael über ihre Gäste her, nennen sie „falsch“, mockieren deren Kosenamen („Mausiii“).
Annette und Andreas sind keinen Deut besser, zeigen ebenfalls Risse in ihrem elitären Gehabe. Rauchschwaden aus dem Backofen vernebeln das Gespräch, während man um die Deutungshoheit ringt: Hat der Sohn „absichtlich“ zugeschlagen? Ist das andere Kind „entstellt“?
Gesellschaftskritik in Yasmina Rezas Erfolgsstück
Beide Parteien drehen sich im Kreis, agieren mit- und gegeneinander, schließen immer neue Allianzen: Eheleute gegen Eheleute, Partnerin gegen Partner, Männer gegen Frauen. Das hat durchaus Tempo. Das Bühnenbild von Hausregisseur Solberg folgt dieser Anatomie des Untergangs, erreicht beständig die nächste Stufe der Verwahrlosung.
Je weiter die Handlung voranschreitet, desto mühsamer ächzt sie jedoch unter einer aufgeladenen Symbolik: Ein Sturm verwüstet das Appartement, ein Mückenschwarm legt sich wie eine Plage über die Spießbürgerlichkeit, ein Stromausfall begünstigt einen Einbruch, der eindeutige Parolen hinterlässt: „Eat the rich“, nieder mit dem Reichtum. Wo zuvor ein Kaminfeuer prasselte, flimmern nun Bilder von Flutkatastrophen, später von Atombomben über die Bühne. Ganz im Sinne von: Ignoranz und Egoismus verpesten unser Zusammenleben.
Jene Gedanken möchte man natürlich sofort unterschreiben – dennoch irritiert diese sichtbare Politisierung. Weil sie die grandiose Vorlage behandelt, als müsse man sie ankurbeln, aufdrehen und vergrößern. Dabei wirkt das Stück doch gerade in seiner dicht beobachteten Boshaftigkeit am allerstärksten, muss keineswegs in die Schablone der lauten Gesellschaftskritik gepresst werden.
So gehört dieser Abend vor allem dem Ensemble, bis zur Verausgabung lehnt es sich in seine Figuren hinein. Daniel Stock spielt Anwalt Andreas im hochwichtigen Dauertelefonat, süffisant im Ton, arrogant in der John-Wayne-Attitüde, umso komischer im Absturz, als das überlebenswichtige Handy abhandenkommt.
Timo Kählert mimt den Haushaltswarenmann mit Putzfimmel und Nagetierphobie: Sobald er unter Druck gerät, kippt er in eine fiepsende, hysterische Stimme, die fast kindlich um Schutz bittet, nur um im nächsten Moment Aggressionen herauszubrüllen.
Julia Kathinka Philippi zeichnet ihre Schriftstellerin zunächst als Moralistin, Prototyp Gutmensch, die „Bücher über Afrika“ schreibt. Doch selbst diese vermeintliche Nicht-Cholerikerin rastet irgendwann aus, prügelt mit Federkissen auf ihren Ehemann ein.
Lydia Stäubli schließlich hält als Gegenpol lange die Illusion zusammen: Die Puderquaste hat ihre Annette stets parat, die perfekte Oberfläche aus Satinbluse und Bleistiftrock (Kostüme: Ines Burisch) souverän im Blick, bis sie vor Übelkeit in sich zusammenfällt, dann derangiert im Bademantel über die Bühne schlurft und nach der Schnapsflasche greift.
„Meine Stücke sind für gute Schauspieler geschrieben“, sagte Yasmina Reza einst in einem Interview. Das bestätigt sich an diesem Abend in Bonn eindrucksvoll. Zugleich betonte die französische Autorin den subtilen Rhythmus ihres „Gott des Gemetzels“: „Wenn man das nicht aufs Genaueste trifft, werden die Stücke seicht und verlieren an Bedeutung.“
Eine Seichtigkeit kann man der Bonner Premiere nun nicht gerade unterstellen. Eine kammerspielhafte Sezierung des Bürgertums allerdings auch nicht.
90 Minuten ohne Pause, wieder am 7., 14.2., 21.3., Karten über das Theater Bonn


