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Mediziner in Sorge
Nach Fall in Chemnitz – Tuberkulose-Fälle verbreiten sich

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ARCHIV - 23.02.2016, Berlin: Ein Arzt zeigt einen Tuberkulose-Fall anhand eines Röntgenbildes in seinem Büro im Tuberkulosezentrum.

Ein Arzt zeigt einen Tuberkulose-Fall anhand eines Röntgenbildes in seinem Büro im Tuberkulosezentrum.

Ein lokaler Ausbruch im sächsischen Chemnitz betrifft nun auch andere Bundesländer. Wer besonders gefährdet ist, wie sich die Krankheit überträgt und wie die Lage in Köln ist, zeigt unser Überblick.

Es braucht Zeit, bis die Krankheit sich zeigt. Mehrere Wochen können vergehen, bis eine Tuberkulose nachgewiesen werden kann, sagt Dr. Isabelle Suárez, Infektiologin an der Uniklinik Köln. Im Blut ist die Krankheit, die meisten die Lunge befällt, frühestens acht bis zwölf Wochen nach der Ansteckung zu erkennen. Auch auf Röntgenbildern seien sogenannte Infiltrate, also stoffliche Ansammlungen in der Lunge, zunächst nicht besonders sichtbar. Dass das Ausmaß des jüngsten Ausbruchs in Chemnitz erst jetzt deutlich werde, sei also kein Wunder.

In der Stadt im Südwesten Sachsens war im Januar eine offene Tuberkulose bei einer Pflegeschülerin festgestellt worden. Mittlerweile werden auch mögliche Infektionsketten in andere Bundesländer geprüft – etwa nach Hamburg und Augsburg. Vier Menschen sind derzeit wegen einer Erkrankung im Krankenhaus, zwei von ihnen mit einer „offenen Tuberkulose“ – sie sind also ansteckend.

Tuberkulose-Fälle sind in Deutschland nicht sehr häufig

Wie aus Medienberichten hervorgeht, soll die Pflegeschülerin, die zuerst erkrankt war, bereits Wochen zuvor gehustet haben. Die Stadt Chemnitz schreibt am 20. Januar in einer Pressemitteilung, zunächst seien 75 Kontaktpersonen der Schülerin ermittelt und untersucht worden. 46 davon seien Bewohner und Personal der Pflegeeinrichtung, wo die Schülerin ihr Praktikum absolviert hatte. 29 waren Mitschüler und Lehrer der Pflegeschule.

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Zwei Wochen später: Die Stadt Chemnitz berichtet von einem weiteren erkrankten Menschen, einer direkten Kontaktperson der Schülerin. Bei den untersuchten Kontaktpersonen sei bei rund einem Drittel eine Infektion festgestellt worden. Dass die aber noch keinen Ausbruch der Krankheit und damit eine Ansteckungsgefahr bedeuten muss, erklärt Isabelle Suárez so: „Infiziert bedeutet in diesem Fall erstmal nur, dass jemand Kontakt mit dem Erreger gehabt hat.“ Die Übertragung der bakteriellen Krankheit erfolge über Aerosole. „So ähnlich wie bei Covid-19“, sagt Suárez. „Ob man dann aber auch erkrankt, hängt davon ab, wie intensiv der Kontakt war und wie stark das Immunsystem ist.“

Kinder und ältere Menschen besonders bedroht

Risikogruppen seien vor allem Kinder unter fünf Jahren, ältere Menschen sowie Personen mit Diabetes oder Nierenerkrankungen. „Wenn die Krankheit dann ausbricht und ansteckend ist, sprechen wir von einer ‚offenen Tuberkulose.‘ Die zeige sich vor allem durch Husten und Abgeschlagenheit. Wenn sie nicht behandelt wird, kann sie den Körper sehr schwächen – bis hin zum Tod. „In Deutschland ist die Krankheit nicht sehr häufig, im letzten Jahr hat es hier etwa 4000 Fälle gegeben“, sagt Suárez. Weltweit gebe es etwa 10 Millionen Fälle. 1,6 Millionen Menschen sterben an der Krankheit. „Die ist aber mit Medikamenten gut behandelbar.“

Bei einer „geschlossenen Tuberkulose“ erkranken die Menschen zwar, sind aber nicht ansteckend. „Von einer latenten Tuberkulose spricht man, wenn der Erreger zwar im Körper ist, die Krankheit aber erstmal nicht ausbricht“, sagt Suárez.   Trotzdem kann das auch Jahre später noch passieren. „Man kann dann überlegen, ob man mit Medikamenten eine prophylaktische Therapie macht.“

Zunächst sei es aber wichtig, das Infektionsgeschehen im Blick zu behalten. Die Tuberkulose ist meldepflichtig, muss also von den Gesundheitsämtern erfasst werden. „Dass der Ausbruch in Chemnitz gerade exakt erfasst wird, ist also genau richtig.“


Tuberkulose in Köln

In Köln sind die Fallzahlen in den letzten Jahren eher sinkend. So gab es 2015 105 gemeldete Fälle, 2016 waren es 122 Fälle, 2018 97 Fälle, 2020 59 Fälle und im vergangene Jahr 71 Fälle. Pro Tuberkulosefall mussten im Schnitt 20 Kontaktpersonen ermittelt und untersucht werden.

Zwei Drittel der Kölner Patientinnen und Patienten sind Männer, ein Drittel Frauen. Das Durchschnittsalter liegt bei 43,2 Jahren, die meisten Erkrankten sind im Alter zwischen 15 und 45 Jahren.

Tuberkulose wird vor allem durch engen und längeren Kontakt übertragen. Deswegen werde in Kölner Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete systematisch ein Tuberkulosescreening durchgeführt, teilte das Gesundheitsamt mit. Eine Ausweitung des Tuberkulosescreenings auf Schulen seien bei der derzeitigen epidemiologischen Lage nicht nötig. Bei der Aufnahme in Pflegeheime muss in Köln der Hausarzt attestieren, dass Bewohner oder Bewohnerinnen frei von ansteckenden Krankheiten sind. (hes)

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