München – So viel Wirbel haben CSU, Grüne und Freie Wähler wohl nicht erwartet. Anfang November hatte der bayerische Landtag beschlossen, eine Studie dazu in Auftrag zu geben, ob mit Hilfe homöopathischer Präparate der Einsatz von Antibiotika verringert werden kann. Experten verreißen das Projekt, Satiremedien spießen es auf.
Was sagen Kritiker, was sagen Befürworter?
Chemieprofessor Stephan Sieber von der Technischen Universität München hat kein Verständnis für das Vorhaben. Er wisse nicht, „welchen Mehrwert das bringen soll“, sagt der Antibiotika-Spezialist. „In der Wissenschaft gibt es keine Belege dafür, das Homöopathie wirkt.“
Der CSU-Landtagsabgeordnete Bernhard Seidenath, einer der Autoren des Antrags, wundert sich dagegen: „Jeder keilt sich an dem Thema Homöopathie fest.“ Dieses komme nur am Rande vor und sei Teil eines größeren Maßnahmenpaketes, mit dem multiresistente Keime bekämpft werden sollen. Deren Entstehung wird durch zu häufigen Einsatz von Antibiotika begünstigt. Laut Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich allein in der EU schätzungsweise rund 25 000 Menschen an Infektionen mit solchen Keimen. CSU, Freie Wähler und Grüne wollen prüfen lassen, wie der Antibiotikaeinsatz vermindert werden kann – und dabei soll „eine mögliche positive Rolle von gegebenenfalls ergänzend verabreichten homöopathischen Präparaten beleuchtet werden“, heißt es im Antrag.
Was ist Homöopahthie?
1796 veröffentlichte der Arzt Samuel Hahnemann das grundlegende Konzept der Homöopathie. „Homos“ bedeutet auf griechisch gleich. Um eine Krankheit zu heilen, gab Hahnemann Substanzen, die ähnliche Symptome auslösen, verdünnte diese aber. Die Verdünnung ist oft so stark, dass die ursprüngliche Substanz – die giftig sein kann, z.B. Tollkirschenextrakt oder Arsen – chemisch nicht mehr nachweisbar ist. Solche Mittel sind nicht mit klassischer pflanzlicher Arznei zu verwechseln, in der die Wirkstoffe höher dosiert sind.
Lassen sich durch Homöopathie wirklich Antiotika einsparen?
Homöopathie könne weder den Einsatz von Antibiotika reduzieren noch die Abwehrkräfte stärken, betont Professor Sieber. „Auf einer wissenschaftlichen Grundlage müssen Sie mit einem Wirkstoff Bakterien töten. Dazu benötigen Sie Konzentrationen, die mit der Homöopathie nie erreicht werden.“Der bayerischen Antrag verweist auf eine nicht näher genannte Studie (wohl die Wiener Sepsisstudie von 2004), nach der eine homöopathischen Zusatzbehandlung bei einer schweren Sepsis (Blutvergiftung) nützlich sein soll.
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Die Wiener Studie an 67 Patienten ist heftig umstritten, unter anderem, weil nicht erfasst wurde, welche Form von Sepsis jeweils vorlag. Sieber meint, der Nutzen einer homöopathischen Zusatzbehandlung sei nicht erkennbar – behandeln lasse sich schwere Sepsis nur mit Antibiotika. Da wäre es höchst gefährlich, mit dem Verweis auf homöopathsiche Mittel weniger Antibiotika zu geben.
Was dürfen die Krankenkassen bezahlen?
Wann die geplante Studie (Kosten 300 000 bis 400 000 Euro) erstellt wird, vermag das bayerische Gesundheitsministerium nicht mitzuteilen. Nur so viel: Nach wie vor gebe es „keine belastbaren Hinweise auf eine Wirksamkeit, welche über die bekannten positiven Placebo-Effekte von Ritualen, Gespräch und Zuwendung hinausreichen“.Dennoch zahlen viele Krankenkassen für homöopathische Behandlungen und Mittel, ob sie nun die ob sie nun als Tropfen, Tabletten oder Kügelchen (Globuli) verabreicht werden. Sie müssen das nicht tun, können es aber in ihrer Satzung so festlegen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigt das, zumal die Ausgaben im Verhältnis zum Gesamtetat gering seien: 2017 waren es etwa 10,5 Millionen von insgesamt gut 230 Milliarden Euro.
In Frankreich dagegen sollen homöopathische Arzneimittel mangels erwiesener Wirksamkeit ab 2021 nicht mehr erstattet werden.
Spart Homöopathie den Kassen Geld?
Befürworter homöopathischer Behandlungen argumentieren oft, dass diese teure konventionelle Leistungen zumindest teilweise ersetzen und damit Kosten sparen könnten. Klappt das? Die Versorgungsforschher Julia K. Ostermann, Thomas Reinhold und Claudia M. Witt haben Daten von 44 500 gesetzlich versicherten Patienten in Deutschland untersucht. Die Hälfte von ihnen wurde 18 Monate lang ergänzend homöopathisch behandelt, die andere nicht. Ergebnis: Die Kosten bei zusätzlicher homöopathischer Behandlung lagen höher als bei Verzicht darauf. Das gilt sowohl für die Gesamtheit aller Fälle als auch für einige einzeln betrachtete Krankheitsbilder. (dpa/EB)