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Besuch bei zwei Windparks vor RügenKönnen die riesigen Offshore-Anlagen die Energiewende retten?

Lesezeit 6 Minuten
Mukran: Windräder stehen zwischen den Inseln Rügen und Bornholm in der Ostsee.

Mukran: Windräder stehen zwischen den Inseln Rügen und Bornholm in der Ostsee.

Große Hoffnung liegt derzeit auf den Offshore-Windparks in Nord- und Ostsee. Aber wie sieht es mit der Umweltverträglichkeit aus und wie wird dort gearbeitet? Ein Besuch vor Ort

Erst anderthalb Stunden nach dem Start der „Lady von Büsum“ in Sassnitz auf Rügen werden die ersten Türme des Windparks „Arcadis Ost 1“ über der spiegelglatten Ostsee sichtbar. Obwohl das Schiff aus Sicherheitsgründen nicht näher als 500 Meter kommen darf, sind die Dimensionen atemraubend. 110 Meter hoch ragen knapp 30 Stahlrohrtürme („Monopiles“) aus dem Meer. 174 Meter beträgt der Durchmesser der Rotoren. Das ist so lang wie zwei Fußballfelder. 15 Kilometer ist der Park lang, 3,5 Kilometer breit.

Trotz Flaute drehen sich die Riesen-Windmühlen langsam und majestätisch. Anders als an Land ist auf See nah über der Oberfläche eine gute Windernte möglich. Während in der Lausitz schon ein 350 Meter hoher Windturm gebaut wird, ist im Meer die Länge der Rotoren ausschlaggebend für die erforderliche Nabenhöhe. „Die Flügelspitzen dürfen ja auch bei hohem Wellengang nicht eintauchen“, sagt Manfred Dittmer, der Deutschland-Chef des belgischen Betreibers Parkwind, oben an Deck der „Lady von Büsum“.

Die Vestas-Turbine V174 im „Arcadis“-Park gehört aktuell zu den längsten. Es sind freilich schon Turbinen mit 270-Meter-Rotoren in Planung, für die Nabenhöhen von rund 160 Metern gebraucht werden. Dabei ist schon „Arcadis Ost 1“ schwindelerregend: Hoch oben auf jedem Monopile hockt ein Maschinenhaus, an dessen Spitze die Rotoren befestigt sind. Vom Ausflugsboot aus sehen die sogenannten Gondeln aus wie Streichholzschachteln. „Aber jede hat die Größe eines mehrgeschossigen Einfamilienhauses und wiegt 390 Tonnen“, sagt Dittmer.

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Wer nicht genug Geld beiseite legen kann, darf gar nicht erst bauen.
Manfred Dittmer, Deutschland-Chef von Parkwind

Die Arbeit auf Offshore-Anlagen ist nichts für schwache Nerven. Jeder Ingenieur muss vorher ein Höhentraining absolvieren. Per Crew Vessel werden die Teams an den Turm gefahren und müssen eine zwölf Meter hohe Leiter zur untersten Plattform erklimmen. Die hat immerhin ein Geländer. Als die „Lady von Büsum“ zur Mittagszeit am zweiten Windpark „Baltic Eagle“ rund 20 Kilometer weiter östlich angekommen ist, wird sie von einem Crew Vessel umkurvt. Die Boote bleiben stets in Reichweite der Türme, um Mitarbeiter etwa bei Verletzungen an Land bringen zu können.

Für die an den Türmen abgesetzten Crews geht es nach dem Erklimmen der Plattform per Aufzug im Innern der Monopiles hoch ins Maschinenhaus, wenn dort Wartungs- und Reparaturarbeiten anfallen. „Niemand muss also außen hochklettern“, sagt Sergej Drechsel, Projektentwickler von Iberdrola, dem Betreiber von „Baltic Eagle“, beim Umrunden des Parks. Und niemand wird über Nacht auf dem Turm zurückgelassen. Für Notfälle gibt es allenfalls auf den riesigen Umspannwerken in den Parks Pritschen-Lager mit ein paar Vorräten.

Bleiben irgendwann nur noch Schrottberge zurück?

Lebensgefährlich könnte es werden, wenn eine Turbine wegen Überhitzung oder bei einem Kurzschluss Feuer fängt, während ein Team in der Gondel arbeitet. 2013 kam es auf einer niederländischen Onshore-Windanlage zu so einer Tragödie, bei der zwei Monteure ums Leben kamen. Für die Offshore-Anlagen haben sich die Betreiber im Ostseeraum zusammengetan und halten einen Rettungshubschrauber vor. Der ist jederzeit einsatzbereit. „Glücklicherweise haben wir diesen bislang sehr selten gebraucht“, sagt Drechsel.

Beim Anblick der grenzenlosen Industrieanlagen hier draußen drängt sich die Frage auf, ob vom Offshore-Boom eines Tages gigantische Schrott-Ruinen in den Meeren zurückbleiben. Das kann aber nicht passieren: Der Betrieb der Parks wird für jeweils 25 Jahre genehmigt, mit einer Verlängerungsoption von maximal fünf Jahren. Nach Ablauf der Genehmigungszeit müssen die Anlagen auf jeden Fall zurückgebaut werden, sagt Parkwind-Chef Dittmer. Damit das auch geschieht, wenn ein Betreiber Pleite geht, wird vor dem Bau eine entsprechende Bürgschaft verlangt. „Wer nicht genug Geld beiseite legen kann, darf gar nicht erst bauen.“

Die Offshore-Zukunft sieht europäisch aus.
Stefan Kapferer, Chef von 50Hertz

Die steigenden Rohstoffpreise führen dazu, dass inzwischen fast alles wiederverwertet wird, der Stahl aus den Türmen, die Kabel... Schwierig ist das Recycling noch für die Rotoren aus Kunststoffen. An Lösungen dafür werde „mit Hochdruck“ gearbeitet, sagt Drechsel. Nicht zuletzt, um die explodierenden Kosten angesichts der explodierenden Nachfrage zu drücken.

Umweltbelastungen ergeben sich vor allem beim Errichten der Türme: Für einen stabilen Stand müssen die Fundamente Dutzende Meter tief in den Meeresboden gerammt werden. Dabei kommen allerdings riesige Schalldämpfer zum Einsatz, um Schallwellen zu absorbieren, die den Orientierungssinn von Meeresbewohnern stören. Sind die Windparks einmal errichtet und die Kabel durch den Meeresgrund bis ans Land gelegt, gibt es auch positive Effekte für die Meere: Weil die Windparks für Fischerboote Tabu-Zonen sind, werden sie zu Fischparadiesen, in denen sich die Bestände erholen.

Windparks können zu Fischparadiesen werden

Der „Arcadis“-Windpark soll 257 Megawatt Strom pro Jahr liefern, genug für fast 300.000 Haushalte. „Baltic Eagle“ ist auf 476 Megawatt ausgelegt. Der größte deutsche Offshore-Windpark „Hohe See“ vor Helgoland bringt 521 Megawatt. Auch das ist nicht das Ende der Fahnenstange: Vor der niederländischen Nordseeküste wurde vor Kurzem der Park „Hollandse Kust Zuid“ eingeweiht: 139 Windräder, 1500 Megawatt Nennleistung. Das sind 100 Megawatt mehr, als das Atomkraftwerk Emsland je lieferte.

Hört sich viel an, ist aber erst der Auftakt. Das Ziel von Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck: Von heute 8,4 Gigawatt soll es in den kommenden sieben Jahren auf „mindestens“ 30 Gigawatt und bis 2045 „mindestens“ 70 Gigawatt hochgehen – mehr als eine Verachtfachung! Ob aber wirklich schnell genug bezahlbarer Windstrom vom Meer kommt, um eine Deindustrialisierung abzuwenden, ist unter Experten umstritten.

Stefan Kapferer, Chef des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, der die „Lady von Büsum“ für den Offshore-Ausflug gechartert hat, hält das für machbar. Auf der Rückfahrt nach Sassnitz schwärmt Kapferer vom deutsch-dänischen Gemeinschaftsprojekte „Bornholm Energy Island“: Die Wind-Insel vor der Ferieninsel soll Offshore-Strom an beide Länder liefern. Und er wirbt für Standorte vor den Küsten der baltischen Staaten mit ihrem schier unbegrenztem Offshore-Potenzial. Auch Parkwind-Chef Dittmar sagt: „Ich bin mir sicher, dass wir das als Branche hinbekommen werden. Aber einfach wird es sicher nicht und es bedarf einer großen gemeinsamen Kraftanstrengung, um die vor uns liegenden Hürden zu überwinden.“

Reindustrialisierung statt Deindustriealisierung

Der Bedarf nach praktisch allem vom Kabel über Türme bis zu Rotoren und den Spezialschiffen, um all das zu transportieren und aufzustellen, ist in den letzten anderthalb Jahren weltweit explodiert. Die Zeichen stünden deswegen „definitiv“ auf Reindustrialisierung statt Deindustriealisierung, sagt Klaus Müller, Präsident der Bundesnetzagentur. In Rostock-Warnemünde herrscht geradezu Goldgräber-Stimmung, seitdem grünes Licht dafür kam, hier die gewaltigen Konverter-Plattformen für Offshore-Parks zu bauen. Das bringt viel Wertschöpfung an die Küste und wurde von der Branche lange herbeigesehnt, weil es nur in Spanien einen anderen europäischen Produktionsstandort für solche Anlagen gibt.

So viel Aufbruch war selten, und trotzdem gibt es auch dunkle Wolken am Offshore-Himmel. Denn das Geschäft muss sich lohnen. Die Investitionen sind gigantisch und die Teile für die Parks sind seit Beginn des Ukraine-Kriegs um 40 Prozent teurer geworden, wenn sie auf dem leer gefegten Markt überhaupt zu beschaffen sind. In Großbritannien wurden erste Ausbau-Projekte deswegen schon abgeblasen.

Um ihre Investitionen reinzuholen, müssen die Betreiber den Strom vom Meer gewinnbringend verkaufen. Ein staatlich subventionierter Industriestrompreis würde ihr Geschäft womöglich torpedieren und der Branche Wind aus den Segeln nehmen, fürchten viele Windmanger an Bord der „Lady von Büsum“. Auch die drohende Billig-Konkurrenz aus China, wo der Staat den Herstellern kräftig unter die Arme greift, ist ein heiß diskutiertes Thema. Vor 15 Jahren fegten Solar-Paneele aus Fernost die heimischen Produzenten und damit Hunderttausende von Jobs einfach hinweg.

Die EU-Kommission ist alarmiert und arbeitet mit Hochdruck an einem Rettungspaket für die hiesigen Standorte. Andererseits ist die Nachfrage so immens, dass bis auf weiteres keine Überproduktion in Sichtweite ist, im Gegenteil. 50Hertz-Chef Kapferer ist auch deswegen optimistisch. „Die Offshore-Zukunft sieht europäisch aus“, sagt er.

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