Universität zu KölnErschreckende Erkenntnisse: Kölner Institut an Arktis-Forschung beteiligt

Lesezeit 4 Minuten
Ein technisches Gerät auf der Dach der Forschungsstation in der Arktis. Im Hintergrund ist die weiße Weite der Arktis mit hohen Bergen zu sehen.

In Ny Alesund auf Spitzbergen liegt eine deutsch-französische Forschungsstation zur Untersuchung des Klimawandels in der Arktis

Ein Kölner Institut beteiligt sich an der Arktis-Forschung in Ny-Ålesund auf Spitzbergen. In Köln werden Daten rund ums Klima ausgewertet. Die Erkentnisse sind erschreckend.

Die Fotos täuschen ein wenig. „70 Prozent der Zeit herrscht in der Arktis bedecktes Wetter. Strahlender Sonnenschein bei Minustemperaturen ist hier eher selten“, erklärt Kerstin Ebell vom Institut für Geophysik und Meteorologie der Universität zu Köln.

Was zunächst den gängigen Bilderbuch-Eindruck der nördlichsten Region der Welt nachhaltig zu trüben scheint, ist für die Wissenschaftler in Ny-Ålesund auf Spitzbergen Grundvoraussetzung für ihre Arbeit: Eines ihrer wichtigsten Messinstrumente ist das Wolkenrader, mittels dessen sie Daten über Häufigkeit und Zusammensetzung der Wolken über der Arktis sammeln. 

Diese Daten werden unter anderem in Köln gesammelt und ausgewertet. Während der Kampagnen sind auch zwei Flugzeuge im Einsatz, die ebenfalls Messgeräte an Bord haben. Aufsehen erregte das Institut zuletzt, als es an der Mosaic-Expedition der „Polarstern“ beteiligt war.

Alles zum Thema Universität zu Köln

Die Arktis erwärmt sich doppelt so schnell wie der Rest des Planeten

Mit einem Mikrowellen-Radiometer wurden Referenzdaten von Wasserdampf gewonnen, die dazu beitragen, ein vollständiges Bild der Klimaprozesse in der zentralen Arktis zu zeichnen. Trauriges Ergebnis: Die Arktis – grob gesagt alles über dem 60. Breitengrad – erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie der Rest des Planeten.

Die Prozesse, die dazu führen, beeinflussen Wetter und Klima weltweit. Ganz nebenbei fror der Eisbrecher an einer großen Eisscholle fest und driftete mit der natürlichen Strömung über den Arktischen Ozean. Eine Erfahrung, die Kerstin Ebell selbst nicht teilte. Sie ist in erster Linie für die heimische Auswertung am Rechner zuständig. „Ich war nur zwei Mal oben. Wunderschön, aber wichtiger ist, dass unsere Doktorandinnen und Doktoranden die Möglichkeit bekommen, vor Ort zu forschen“, sagt sie.

Ein wenig muss man auch dafür gebaut sein, zum dreiköpfigen Kernteam der deutsch-französischen „Awipev“-Forschungsstation auf Spitzbergen zu gehören: Ein Jahr lang abgeschieden von der Welt, kein Sonnenstrahl in der langen Polarnacht. Das Awipev läuft unter der Regie des deutschen Alfred-Wegener-Instituts (AWI) und des französischen Institute Paul Emile Victor (IPEV).

Touristen für Bewohner eher„befremdlich“

Ny-Ålesund ist eine reine Forschungssiedlung, ein kleines Nest am Kongsfjorden, unzugänglich für Touristen. Selbst die Wissenschaftler können nicht nach Lust und Laune in der Gegend herumspazieren, alles ist streng reglementiert. Mit einer Ausnahme: Gelegentlich machen hier die dicken Kreuzfahrtschiffe fest, um die Passagiere zu Roald Amundsens Ankermast zu führen. An dem war einst das Luftschiff „Norge“ befestigt, mit dem der berühmte Arktisforscher über den Nordpol nach Alaska flog.

„Etwas befremdlich“ nennt Ebell den Anblick der touristischen Heerscharen und man merkt ihr an, dass sie sich dabei noch sehr diplomatisch ausdrückt. Am Kongsfjorden ist die Welt ein Dorf Ziel der Wissenschaftler aus aller Welt – neben dem Awipev sind in Ny-Ålesund Teams und Stationen aus so ziemlich allen Teilen der Welt angesiedelt – ist weniger die direkte Ableitung von Verhaltensänderungen aus den Beobachtungen.

Sondern eher, eine umfangreiche Datensammlung zu bekommen, über die man Rückschlüsse auf die langfristige Entwicklung des Klimas ziehen kann. Abgeschieden von der Weltpolitik ziehen die Wissenschaftler alle an einem Strang, woher sie auch kommen. Die Welt ist im Wortsinne ein Dorf, zumindest hier.

Eisfreie Arktis bis Mitte des Jahrhunderts?

Was neben der messbaren Erwärmung allerdings schon längst sichtbar ist, ist der Rückgang des Gletscher- und Meereises. Für manche Szenarien, sagt Ebell, wird bis Mitte des Jahrhunderts bereits eine eisfreie Arktis vorhergesagt.

Und auch wenn es nicht direkt der Job der Wissenschaftler ist, sich Gedanken über die ganz praktischen Auswirkungen zu machen – „natürlich macht das etwas mit einem, wenn man so dicht dran ist“, sagt sie.

Die Erhöhung des Meeresspiegels, eisfreie Durchfahrten im hohen Norden, der mögliche Rohstoffabbau bis hin zu den in ihrer Gänze noch gar nicht absehbaren Veränderungen des Weltklimas, das alles macht auch den nüchternsten Wissenschaftler nachdenklich. „Wichtig ist jetzt, die Daten weiter und vor allem langfristig auszuwerten“, sagt sie.

Dies passiert aktuell im Rahmen des Sonderforschungsbereiches TR172, der durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Ebell hofft mit ihren Kollegen, dass auch in Zukunft Mittel bereit gestellt werden, um die Forschungen weiter zu führen. Denn so richtig verstanden haben die meisten Menschen sicher noch nicht, was in der Arktis gerade passiert. Stationen wie Ny-Ålesund können zumindest helfen, diese Einblicke zu bekommen. Wenn man sie denn sehen will.

Rundschau abonnieren