Serie zum 100. JubiläumSein Schöpfer hörte den „Decke Pitter“ nie selbst

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30.11.1924 Köln, Dom, Westfassade, Marienportal, Festakt Petersglocke, 1924, Aufstellung der neuen Petersglocke vor dem Marienportal/Hauptportal, Einzug der neuen Petersglocke in den Dom, Fotografie von Hermann Janssen

Im November 1924 wurde der Decke Pitter in einer feierlichen Fahrt durch die Stadt vom Rheinauhafen zum Dom gebracht.

Heinrich Ulrich goss den „Decke Pitter“ und starb, bevor die Glocke erstmals erklang. Ein neuer Teil unserer Serie zur berühmten Kölner Glocke im Dom.

„Wenn die Petersglocke, das Prunkstück unter den elf Glocken unserer Kathedrale, läutet, hält die Stadt den Atem an“, sagt Kölns Dompropst Monsignore Guido Assmann. „Die Menschen bleiben stehen, der Alltag bricht auf, der Dom hat das Wort.“ Zuletzt sei dies zu erleben gewesen, als das weithin hörbare, so warme „C“ über Stadt und Fluss erklang und vom Tode des emeritierten Papstes Benedikt XVI. kündete. Auch zu anderen besonderen Anlässen wurde die Glocke geläutet – etwa zum Ende des Zweiten Weltkriegs, beim Begräbnis des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters und langjährigen Bundeskanzlers Konrad Adenauer (1967) sowie am Tag der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahr 1990.

„St. Peter bin ich genannt, schütze das deutsche Land, Geboren aus deutschem Leid, ruf ich zur Einigkeit“, lautet eine der Inschriften auf der Glocke. Doch die vornehmste Aufgabe der 24 Tonnen schweren Petersglocke ist es, die höchsten Feste im liturgischen Jahreskreis einzuläuten und die Menschen zu den Gottesdiensten zu rufen.

Glockentag zum 100. Geburtstag

Zum 100. Geburtstag der bis heute tontiefsten freischwingenden Glocke der Welt wird in Köln ein Europäischer Glockentag ausgerichtet, wie es ihn bereits in Frankfurt am Main (1985), Erfurt (1997) und Karlsruhe (2004) gab. Ziel sei, „das Interesse der Bevölkerung für den allgegenwärtigen Glockenklang zu wecken und sich damit in verschiedener Weise auseinanderzusetzen“, so Andreas Philipp, Mitglied im Beratungsausschuss für das Deutsche Glockenwesen. Zudem gehe es darum, „die Aufgabe von Glocken in Kirchen, ihre Bedeutung für unseren Kulturkreis sowie ihre Entwicklung in Europa zu bedenken“.

St. Peter bin ich genannt, schütze das deutsche Land, Geboren aus deutschem Leid, ruf ich zur Einigkeit.
Inschrift auf dem Decke Pitter

In diesem Rahmen hält auch der gleichnamige Enkel von Konrad Adenauer einen Vortrag über seinen Großvater und dessen Einsatz für das Glockenwesen.. „Mein Großvater hatte mit dem damaligen Erzbischof von Köln an die Reichsregierung geschrieben und um eine Wiedergutmachung für die in den letzten Kriegstagen eingeschmolzene Kaiserglocke nachgesucht“, erklärt Konrad Adenauer. Die gegen Ende des Ersten Weltkriegs für die Rüstung eingeschmolzene Kaiserglocke war 1874 selbst aus erbeutetem Kriegsmaterial gegossen und in das Geläut der damals noch nicht vollständig fertiggestellten Kathedrale in 53 Metern Höhe eingefügt worden.

Ankunft des „Decke Pitter“ vor dem Kölner Dom am 24.11.1924. Szene aus dem Film ‚Das alte Köln in Farbe‘ von Hermann Rheindorf.

Ankunft des „Decke Pitter“ vor dem Kölner Dom am24.11.1924. Szene aus dem Film 'Das alte Köln in Farbe' von Hermann Rheindorf.

„Im Frühjahr 1918, in schwerster Kriegsnot, hat das Kölner Metropolitankapitel die Kaiserglocke des hohen Domes dem Vaterland zum Opfer gebracht“, heißt es in dem Schreiben vom 15. Januar 1922 an Reichskanzler Friedrich Ebert. Erzbischof Karl Joseph Kardinal Schulte, Oberbürgermeister Adenauer und Vize-Regierungspräsident Karl Budding baten daher die Reichsregierung um „kostenlose Überweisung des Metalls für einen neuen Guss“. Der Bitte aus Köln wurde entsprochen. Die zuständigen Minister ermächtigten den Oberpräsidenten der Rheinprovinz zum Erwerb des für den Glockenguss erforderlichen Metalls. Bereits am 13. März 1922 erhielt die Glockengießerei Gebrüder Ulrich in Apolda den Auftrag.

Finanzierung geriet durch Hyperinflation in Schwierigkeiten

Doch bis die Petersglocke erstmals läutete, vergingen noch über drei Jahre. Insbesondere durch die Hyperinflation der Weimarer Republik kam es zu erheblichen Verzögerungen und Schwierigkeiten bei der Finanzierung des Vorhabens. Aufgrund der rasenden Inflation verlangte Heinrich Ulrich zusätzlich 5000 Dollar. Im Januar 1923 musste mit der Gießerei aus Thüringen ein neuer Vertrag ausgehandelt werden. Nicht zuletzt durch das Zusammenwirken von Reichsregierung, preußischer Staatsregierung sowie den Initiativen aus der Bevölkerung, beispielsweise der „Vereinigung Kölner Bürger zur Förderung der Deutschen Glocke am Rhein“, gelang es, den finanziellen Kraftakt zu bewältigen.

Szenenwechsel: Apolda am späten Abend des 5. Mai 1923. Heinrich Ulrich verlässt seine Werkstatt und weint. Das war die Reaktion des Glockengießermeisters, nachdem der Guss der Petersglocke in neun Minuten und 32 Sekunden   gelungen war. Eine enorme Anspannung muss sich in diesem Moment bei dem Angehörigen eines alten Erz- und Glockengießergeschlechts gelöst haben. Die Firma hatte sich unter seiner Ägide einen weltweiten Ruf erworben. Die mit zahlreichen Inschriften, figürlichen Darstellungen und Wappen verzierte Glocke für Köln war wohl so etwas wie sein Lebenswerk. Tragisch: Hören konnte er die Glocke nicht mehr, denn er verstarb im Februar 1924 kurz vor seinem 48. Geburtstag. Monate später, am 30. November, weihte der Kölner Erzbischof die Glocke auf den Namen Sankt Peter, Patron des Doms.

Sie sei ein Meisterwerk, „dem kein Kunstprodukt dieser Art an die Seite gestellt werden kann“, heißt es einer amtlichen Stellungnahme vom Juni 1923, als die Petersglocke in der Gießerei in Apolda mit Stimmgabeln einer eingehenden Prüfung unterzogen und als untadelig testiert worden war. Knapp ein Jahr später kam einer der Gutachter der Gießerei Ulrich zu dem Ergebnis, zu ihr sei „kaum eine Rivalin in der ganzen Welt zu finden“.

Wir werden es zum Geburtstag des Decke Pitter auch krachen lassen.
Stefan Zimmermann, Stadtverwaltung Apolda

Dass die Stadt im Freistaat Thüringen bis heute mit dem Anspruch „Glockenstadt Apolda“ wirbt, ist nicht zuletzt ein Verdienst der Gebrüder Ulrich. Auch wenn das Handwerk des Glockengießens in Apolda nicht mehr praktiziert wird, pflegt die Stadt doch nachhaltig die Erinnerung an das hier über 250 Jahre in höchster Perfektion ausgeführte traditionelle Handwerk.

In der Glockengießerei von Heinrich Ulrich in Apolda (Thüringen) wird 1923 der Transport der neu gegossenen Petersglocke aus der Werkstatt zum Kölner Dom vorbereitet.

In der Glockengießerei von Heinrich Ulrich in Apolda (Thüringen) wird 1923 der Transport der neu gegossenen Petersglocke aus der Werkstatt zum Kölner Dom vorbereitet.

„Deshalb werden wir es zum Geburtstag des Decke Pitter auch krachen lassen“, sagt Stefan Zimmermann von der Stadtverwaltung Apolda . Er meint damit nicht nur das große Feuerwerk, das abends am 5. Mai, dem Geburtstag der Petersglocke, gezündet wird. „Wenn in Köln der Europäische Glockentag stattfindet, nehmen wir das zum Anlass, auch hier in Apolda mit verschiedenen Veranstaltungen vor dem Rathaus ein Glockenfest auszurichten.“ So soll   ein Modell der Petersglocke angefertigt und teilweise über jenen Weg in die Stadt gebracht werden, die die Glocke 1923 von der Gießerei aus bis zu ihrem Ort des Abtransports nach Köln genommen hat. Zudem werden derzeit elf Minuten historisches Filmmaterial vom Transport der Glocke aus Apolda bis zur Ankunft am Dom zu Köln aufgearbeitet.


Europäischer Glockentag

Zum Jubiläum stehen vom 4. bis 7. Mai 2023 neben Gottesdiensten auch zahlreiche Veranstaltungen, wie Ausstellungen und Konzerte, Geläutevorführungen, ein öffentlicher Glockenguss auf dem Platz vor dem Dom sowie Vorträge auf dem Programm. Einer der Höhepunkte des Glockenfests bildet ein einstündiges Konzert, bei dem die Domglocken gemäß einer Partitur in unterschiedlichen Kombinationen erklingen. Außerdem werden zum „30. Kolloquium zur Glockenkunde“ rund 140 Teilnehmer aus neun Ländern erwartet.

Zu ihrem Geburtstag bekommt die riesige Petersglocke als Geschenk eine kleine Schwester: die Klaraglocke (Foto). Die im Jahre 1621 gegossene und mit 48 Zentimetern Durchmesser sowie 70 Kilogramm Gewicht kleinste der Kölner Domglocken kehrte dieser Tage generalüberholt, konservatorisch gereinigt und mit einem neuen Klöppel versehen nach vielen Jahren wieder in den hölzernen Glockenstuhl der Kathedrale zurück. Beim Europäischen Glockentag wird sie erstmals wieder zu hören sein.

Musikalisch ist der Decke Pitter, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger, der Kaiserglocke, ein einzigartiges Meisterwerk. Sein tiefes ‚C‘ legt den Grund für den feierlichen C-Dur-Akkord, innerhalb dessen die Melodie der drei alten Domglocken schwingt. Nach oben wird der Akkord durch die Ursulaglocke (1862), die Kapitelsglocke (1911) und die Aveglocke (1911) ergänzt. (EB)

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